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Jeden Tag ändert sich was

„Aber ja doch!“ So antwortete kürzlich ein Freund, als ich ihn fragte: „Hat sich in deinem Leben in letzter Zeit etwas geändert?“ Er ist niedergelassener Arzt, ist da für sein Team, die Patienten, die Familie. Wir waren uns einig: „Jeden Tag ändert sich gerade etwas, verändert sich die Welt.“ Das Klima verändert sich, die Regeln des Zusammenlebens ändern sich, in der Familie, in der Partnerschaft, in der Schule, im Betrieb oder in der Freizeit. Gegenseitig hörten wir uns zu, was gerade beim anderen los war und kamen zu dem gemeinsamen Schluss: „Wir leben in wechselvollen Zeiten.“

Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da brauchte es vielleicht 1000 Jahre, bis eine Veränderung vollzogen war, die gefühlt heute an einem Tag geschieht. War mit heute verglichen die Steinzeit also eine Seinszeit? Heute passiert zwar viel, aber noch lange nicht genung, um dahin zu gelangen, wo wir eigentlich hinwollen! Wir müssen wissen, wer wir sein wollen.

Um dem Sturm, der da über uns hinwegfegt, standzuhalten, sollten wir aufhören, uns immer nur anzupassen.

Bei all den Veränderungen, die uns täglich erreichen, wäre es gut einen eigenen Impuls zu setzen. Dazu aber braucht es den anderen Menschen, der uns hilft, das zu sein, was wir zwar in einem gewissen Weise schon sind, aber eigentlich erst sein werden, wenn wir uns befähigen, einen organischen Blick auf die Welt zu tun.

Auf die Welt als organische Wesen zu schauen, beinhaltet, auf den Menschen als organisches Wesen zu schauen. Ein solcher Blick wird sich noch in Jahren nicht erschöpft haben. Das Organische im Menschen bleibt, wenngleich es aus Veränderung besteht. Das Organische täuscht uns nicht, es kennt keine Zufälle und braucht keine Theorie. Es ist einfach da. Blicken wir also auf das Organische im Menschen und in der Welt. Auf das, was von Dauer und doch neu für uns ist: die menschliche Organisation – unser Dasiao.

Hölderlin und Goethe

Für Rudolf Steiner war klar, dass der Grieche Empedokles und der historische Dr. J. Faust eine individualität sind. Interessanterweise haben Hölderlin und Goethe um 1798 zeitgleich beide sich dieser Individualität zugewandt. Goethe nahm 1798 seine Arbeit am Faust wieder auf (nach 20 Jahren Pause) und Hölderlin wandte sich bekanntermaßen Empedokles zu.

Wie finden Eingeweihte aus früheren Zeiten in die Erdenwirklichkeit im 18. und 19. Jahrhundert? Diese Frage wird von Rudolf Steiner in den Karma-Vorträgen nach der Weihnachtstagung im Jahr 1924 mitbehandelt. Danach war es für Eingeweihte schwer, das Erdendasein neu aufzunehmen und fortzusetzen. Stattdessen fand deren geistiges Wissen seinen Weg in die irdische Wirklichkeit über Dichterpersönlichkeiten wie Hölderlin und Goethe.

Als Hölderlin im Jahr 1793 in Ludwigsburg Friedrich Schiller besuchte, gab es eine kurze Begegnung mit Goethe. Ganz auf Schiller konzentriert und unsicher, ob da Goethe im Raum stand, erzählt Hölderlin später: “Bei dem (Goethe) ließ keine Miene etwas Besonders ahnden. Kalt, fast ohne einen Blick begrüßt ich ihn und war einzig mit Schillern beschäftigt.“ Goethe seinerseits charakterisierte Hölderlin für Schiller im Jahr 1797 so: „Er ist wirklich liebenswürdig und mit Bescheidenheit, ja mit Ängstlichkeit offen.“

Mit Ausnahme dieser kurzen Begegnung und einer weiteren im Jahr 1795 hatten Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) und Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832) keine Gelegenheit, einander kennenzulernen, dennoch kann man von einer tiefen übersinnlichen Verbindung der beiden ausgehen. Man wüsste davon kaum etwas, gäbe es nicht den Hinweis von Rudolf Steiner, dass es sich bei Johann Doktor Faust und Empedokles um ein- und dieselbe Individualität handelt. Goethe und Hölderlin nahmen unabhängig voneinander diese Individualität zu Hauptpersonen in der Tragödie „Faust – Der Tragödie erster Teil“ und in dem Drama „Der Tod des Empedokles“. Empedokles lebte als Dichter und Politiker im 5. vorchristlichen Jahrhundert und Faust im 16. Jahrhundert als Magier und Alchimist. 

Rudolf Steiner berichtet in den Karma-Vorträgen unter anderem über Eingeweihte, deren Erdenleben im griechischen Altertum, in der Zeitenwende oder im Mittelalter wurzeln und in den Dichtern und Gelehrten des 19. Jahrhunderts wieder inkarnieren oder in deren Werken erscheinen. Novalis (1772 – 1801) etwa lebte als Bergbau-Ingenieur[i]und teilte sein geistiges Wissen als Dichter mit. In solchen Zusammenhängen stehen auch Persönlichkeiten wie Goethe, Schiller, Herder, Hölderlin, Hegel, Fichte, Schelling, Ibsen, Hamerling. Aus der Fülle der damit verbundenen Verhältnisse sollen im Folgenden Goethes „Faust“ und Hölderlins „Der Tod des Empedokles“ in den Blick genommen werden. Darin wird von Manes, der Lehrer Buddhas, Empedokles so charakterisiert[ii]: „… denn wie die Rebe/ Von Erd und Himmel zeugt, wenn sie getränkt/ Von hoher Sonn aus dunklem Boden steigt,/ So wächst er auf, aus Licht und Nacht geboren.“

Empedokles war Rudolf Steiner zufolge ein Eingeweihter, ein großer Grieche, der als Johannes Doktor Faust auf die Erde zurückkehrte. Er war ein bedeutender Menschheitsführer seiner Zeit, eine Persönlichkeit des alten Griechenlands, „die vorbereitet war mit einem starken Ich-Bewusstsein, um verstehen zu können den Bringer des starken Ich-Bewusstseins.“[iii] Er lebte als Eingeweihter, Philosoph, Dichter und Politiker in der griechischen Stadt Agrigent auf Sizilien. Dazu sollte man wissen: die Agrigentiner konnten wie alle alten Griechen ihre Götter nur innerhalb des Raumes wahrnehmen.[iv]Von dem offenen griechischen Tempel breiteten sie sich in die Landschaft hinein aus. Empedokles nahm Abstand von dieser Tradition. Damit stieß er bei den Agrigentinern auf Ablehnung. Es heißt, er hätte wortlos die Bürger Agrigents verlassen und sei zum Ätna hinaufgestiegen. Am kahlen Rand des Kraters stand Empedokles ruhigmächtig allein dem Geist verbunden. Die Festgesänge verhalten unter ihm in den nebelverhangenen Gärten. Schon einmal hatte er wortlos die Seinen verlassen. Nahe Platons Hallen, im Frühling, nordwestlich von Athen, blieben seine Brüder ohne ihn auf der lärmenden Agora zurück. Im Ätna suchte Empedokles mit warmer, feuriger Erwartung in der elementarischen Welt nach der Christuskraft. Sein Tod war ein Opfer, das dazu diente, den Christus durch eine Art Rückschau in den vier Elementen ätherisch zu finden.[v]

Die historische Persönlichkeit des Faust lebte in Auflehnung gegen das „äußerliche Wissenschaftsstreben“, bemerkt Rudolf Steiner. Im selben Licht steht der verzweifelte Griff Fausts zur Magie und sein Verlangen, gewisse Geheimnisse und Innerlichkeiten vollständig in sich aufzunehmen. Es ging Goethe um den Zusammenhang zwischen dem Menschen und den allwaltenden Weltenmächten. Dazu lässt der Dichter Faust das Zauberbuch aufschlagen, das Buch des Nostradamus, welches das Zeichen des Makrokosmos enthält. Darin wird sichtbar, dass die Welt dreigeteilt ist, zum einen, was die irdischen und himmlischen Erscheinungen betrifft, zum anderen in Bezug auf den Menschen, der dreigeteilt mit Geist, Seele und Leib dieser Welt angehört. „Aus diesem Faust selber kommt die Einsicht“,[vi] die Goethe zu seinen Ideen geführt hat. Dem karmischen Zusammenhang zufolge kamen Goethes Ideen nicht nur aus dem Faust, sondern auch aus Empedokles. Dasselbe darf man von Hölderlin annehmen, der ebenfalls beider Vorstellungen in sich aufnahm. Dieser Einfluss war möglich, da Wahlverwandtschaft zwischen allen bestand. Derjenige, für den man sich entschieden hatte, war Ideengeber. Die Rollenverteilung galt aber auch umgekehrt, das heißt, dem Schützling des anderen war man auch selbst verbunden.

Hölderlins Auffassung, nach der Götter und Menschen einander ähnlich und zugleich verschieden sind, liegt nahe bei der Lehre von der Wahlverwandtschaft der Stoffe. Sie rührt von der Alchemie her, wie sie der historische Faust betrieb. Vom historischen Empedokles wiederum brandete etwas an Goethe heran, wenn er sich über alle Beschränkungen der materiellen Wissenschaft hinwegsetzte und beim Beobachten einer Pflanze oder einer Farbe seine eigenen Empfindungen mitbeschrieb. Goethe muss begriffen werden als einer, der wie Empedokles die geistige Welt schon im Ansatz gesund durchleuchtete.

Dennoch fand jeder der beiden Dichter Trost bei dem (s)einen und nicht bei dem anderen. Goethe entschied sich für Faust, dessen Vorstellungen er in sich aufsaugte und mit seinen eigenen Ansichten von einer lebendigen Wissenschaft vereinigte. Beide gingen davon aus, dass wissenschaftliche Objektivität ohne das Subjekt des Betrachters nicht herzustellen war. Hölderlin übernahm demgegenüber die drängenden Ich-Kräfte des eigensinnigen Griechen Empedokles und verband sie mit seinem eigenen Ideal eines modernen Gottes, der vom Menschen ein starkes Ich erwartet. Um in seinem Empedokles-Drama eine göttliche, allversammelnde Stimmung zu erzeugen, wäre Faust für ihn die falsche Wahl gewesen. Auch der selbstmörderische Sturz in den Krater hätte gestört, deshalb erwähnt ihn Hölderlin mit keinem Wort. Dieser Verzicht auf Tragik bewirkt im Text eine merkwürdige Unbestimmtheit und spiegelt Hölderlins Bild einer alllebendigen, rosenkreuzerischen Christuskraft. Sie bezieht ihren Reiz aus der Abwesenheit des Sterbens. Sterben ist wohl eine Eigenschaft der Menschen, den Göttern aber ist es fremd, da sie auf ewig ohne Schicksal und unsterblich sind.

Menschenkundlich betrachtet, treffen auf Hölderlins und Goethes luziferische Kräfte die ahrimanischen Kräfte ihrer Protagonisten aufeinander und vereinigen sich zu einem Ganzen: da sind die von außen hereindrängenden Vorstellungen des Faust und des Empedokles, die wie aus dem Dunkel auftauchen, und als Gegenlager dazu baut sich die eigene, wahlverwandte Individualität der beiden Künstler auf. So erscheint etwas Neues auf dem physischen Plan, was geistiger Strom von außen und Innerseelisches gewesen ist.

Goethes 1797 väterlich gemeinter Rat, „kleine Gedichte zu machen und sich zu jedem einen menschlich-interessanten Gegenstand zu wählen“, nahm Hölderlin nicht an. Für ihn hätte es bedeutet, generell auf den seelisch-geistigen Zustrom von Verstorbenen zu verzichten. Was das betraf, ging das Empedokles-Vorhaben aufs Ganze, war also bei weitem mehr als nur „menschlich-interessant“. Im Jahr 1797 entwarf Hölderlin das Trauerspiel in dem sogenannten Frankfurter Plan und er verwirklichte diesen Plan in abgeänderter Form ab November 1798. Mit dieser Umsetzung des Empedokles-Stoffes machte Hölderlin den Schritt ins „heilige Fremde“, ins Unbekannte und griff nach der „vielversprechenden Ferne“ einer Individualität, mit der sich gleichzeitig auch Goethe befasste. Der Weimarer jedenfalls nahm just im Jahr 1797 die Arbeit am Urfaust wieder auf. 22 Jahre zuvor hatte er ihn beiseitegelegt und seitdem nicht mehr angerührt. Hat Goethe mit seinem Faust gewartet, bis Hölderlin seinen Empedokles gestartet hat? Und was genau geschah auf der geistigen Ebene?

Denkt man sich Empedokles und Faust als eine Person, treffen in ihr gleich zwei Paradoxien aufeinander: die Materie schaffende und die Materie auflösende Alchemie auf der Seite des Faust und auf der anderen Seite das Paradox der Raumhaftigkeit und Raumlosigkeit des Göttlichen bei Empedokles. Auf beiden Gebieten zieht sich ein Stoff (Alchemie) oder ein Wesen (ein Göttliches) von der Erde zurück, um wiederzukommen. Rudolf Steiner beschreibt diesen Vorgang so: um „in die Zeit als Wirklichkeit hineinzukommen, muss man aus dem Raume heraus, alles Räumliche wegschaffen – und das heißt: sterben!“[vii] Empedokles wandte sich dieser neuen Wirklichkeit zu, als er in den Ätna stürzte. Hölderlin gab ihm dabei Schützenhilfe mit der Göttin Demeter, die den Menschen unsterblich machte, als sie das Kind ins Feuer hielt. Empedokles lässt er sagen: „ … Hier bin ich, ruhig, denn es wartet mein/ Die längstbereitete, die neue Stunde./ … wenn itzt, zu einsam sich,/ Das Herz der Erde klagt, und eingedenk/ Der alten Einigkeit die dunkle Mutter/ Zum Äther aus die Feuerarme breitet …“[viii] In gleicher Weise entwindet sich Goethes Faust im zweiten Teil dem Mephistopheles.[ix] Er geht in die Nacht und erlebt dort mit den Geistern der Erde eine Initiation. Rudolf Steiner: „ … dann hat man etwas erlebt, durch das man in der Tat glauben konnte, die ganze Erde habe sich verwandelt, dann hat es seine Berechtigung, zu sagen, wenn man sozusagen ein neuer Mensch geworden ist, oder vielmehr, wenn in einem der neue Mensch erweckt worden ist …“[x] Der neue Mensch fühlt sich erst einmal frei, zu tun, was Hölderlin vorsichtig als „das Vorübergehende und Abwechselnde der menschlichen Gedanken und Systeme“ beschreibt. Es ist der „Mensch in seiner eigensten, freiesten Tätigkeit.“[xi] Da weiß oder ahnt Hölderlin längst, diese Freiheit wird niemals in Napoleon gründen, sondern im Mysterium von Golgatha. Erst mit dem Christus in sich nimmt der Mensch die Zeit auf, und verfällt nicht dem Raum. Jahrzehnte später fasst Rudolf Steiner diesen innersten Nerv der Geisteswissenschaft so in Worte:

„Wo Sinnes-Wissen endet,
Da stehet erst die Pforte,
Die Lebenswirklichkeiten
Dem Seelensein eröffnet…. “[xii]

In dem Dornacher Vortrag vom 26. April 1924 beschreibt Rudolf Steiner Hölderlin als Schüler des Griechen Plato. Plato, heißt es, war umgeben von einer Anzahl von Schülern. Einer davon war Hölderlin. Für den Platonschüler folgt die karmische Charakterisierung als fein ziselierte Persönlichkeit im Griechenzeitalter, eine Persönlichkeit, „die insbesondere für alles zugänglich war, was Plato durch seine Lehre von den Ideen dazu veranlasste, das Menschengemüt von der Erde wegzuheben.“[xiii] Eingangs des Vortrags geht Rudolf Steiner auf einen Eingeweihten des 3., 4. nachchristlichen Jahrhunderts ein, der Zeuge des Meuchelmords an Julian Apostata geworden war.[xiv] Dieser Eingeweihte, erfährt man da, widmete sich dem Mysterium von Golgatha mit Blick auf die alten vorderasiatischen Mysterien. Er war eingeweiht worden zu einer Zeit, als die leibliche Organisation noch ganz von den seelischen Kräften konfiguriert wurde. Das änderte sich erst mit dem Mysterium von Golgatha in seiner ungeheuren Größe. Bis dahin hatten die göttlich-geistigen Wesenheiten aus dem vorderasiatischen Raum das Weltenall und das Menschenleben gelenkt. Das gab diesem Eingeweihten wie vielen anderen Menschen die Frage in die Seele, wie sich die uralten Weisheiten Vorderasiens mit dem vereinigen würde, was da Wirklichkeit geworden war im Mysterium von Golgatha. Dem Eingeweihten kamen Zweifel, wie dies gelingen sollte, da nun Julian Apostata meuchlings ermordet worden war. Julian hatte den Christus als geistige Sonne verkündet, ganz im Sinne der alten Mysterienweisheit. Blickt man von dieser Erzählung her auf Hölderlin, so vertrat auch er eine Haltung im Sinne Julian Apostatas. Er sah sich als Versöhner. Auf dichterischem Gebiet belegen es seine Christushymnen. So ist man geneigt, Hölderlin karmisch in die Nähe von Julian Apostata zu stellen. Mühte er sich doch in seinem Werk stets, die alten Göttern Griechenlands mit dem neuen Christus zu vereinigen. Wer Zeuge geworden war von Julian Apostatas Schicksal, behält Rudolf Steiner in seiner Rede am 26. April 1924 lange in der Schwebe. Dann aber nennt er den Namen.[xv] Es ist nicht Hölderlin. In „Der Tod des Empedokles“ ringt Hölderlin darum, eine Christusstimmung entstehen zu lassen, um ein freies Christusverständnis anzudeuten, dem er in „Friedensfeier“, einer 1801 und 1802 entstandenen Hymne, dann einen Boden gibt.        Volker Rothfuß


[i] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. (GA 236), Dornach 1988, S. 68

[ii] Tod des Empedokles, dritte Fassung

[iii] Rudolf Steiner: Der Christus-Impuls und die Entwickelung des Ich-Bewusstseins, (GA 116), Seite 167 ff

[iv] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. (GA 236), Dornach 1988, S. 250

[v] Rudolf Steiner: Wege und Ziele des geistigen Menschen, (GA 125), Seite 167 ff

[vi] Rudolf Steiner: Goethes persönliches Verhältnis zu seinem Faust, Prag 12. Juni 1918, (GA273), S. 253

[vii] ebenda, S. 243

[viii] Empedokles: Der Tod des Empedokles / Dritte Fassung / Dritter Auftritt (Auszug)

[ix] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes Faust“. (GA 272), Dornach 1931, S. 114

[x] ebenda, S. 113

[xi] Hölderlin an Sinclair, Brief vom 24. Dez. 1798, Zitat mit Verweis auf die Lektüre des Diogenes Laertius

[xii] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes Faust“. (GA 272), Dornach 1931, S. 116

[xiii] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge 2. Band. (GA 236), Dornach 1988, S. 76

[xiv] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge 2. Band. (GA 236), Dornach 1988, S. 68 ff

[xv] Der norwegische Dramatiker und Lyriker Henrik Ibsen (1828 – 1906).  

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Goethes Faust und Hölderlins Empedokles

Zu Friedrich Hölderlins Friedensfeier

Jakob Friedrich Gontard (1764–1843)

Schauplatz ist Frankfurt: Hölderlin und Gontard sind ab dem Jahr 1797 in extremer Weise unglücklich miteinander verbunden. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand Susette, die Ehefrau Gontards. Welche karmischen Zusammenhänge sind dabei zu berücksichtigen? Die unhaltbaren Umstände zwangen den siebenundzwanzigjährigen Hölderlin Ende September 1798, das Haus der Gontards fluchtartig zu verlassen. Gontard war der Auslöser für Hölderlins weitere Entwicklung auf seelisch-geistigem und dichterischem Gebiet. Getreu der Devise „Jeder Gang ist ein Übergang“ setzte mir der Flucht aus Frankfurt eine neue Phase der Reife bei Hölderlin ein. Der vorliegende Text ist ein Auszug, der noch nicht die ausgewählten Karma-Kommentare von Rudolf Steiner enthält, mit welchen der Autor diese Lebenssituation beleuchtet. Mehr Informationen: mail@volkerrothfuss.de

Der Frankfurter Bankier Jakob Friedrich Gontard (1764–1843) bewohnt im Jahr 1795 mit seiner Familie das herrschaftliche Anwesen „Weißer Hirsch“ am Großen Hirschgraben– in unmittelbarer Nachbarschaft zur Familie Goethe. Auf Vermittlung von Hegel findet Hölderlin hier eine Stelle als Hauslehrer. Gontard beschäftigt ihn ab Dezember als Hauslehrer für seinen einzigen Sohn und künftigen Erben Henry Gontard (1787–1816). Seine Töchter werden von einer eigens dafür eingestellten Lehrerin, der jungen Demoiselle Marie Rätzer aus Bern, unterrichtet. Gontard, der Mitinhaber eines florierenden Bank- und Handelshauses, gerät mit Hölderlin im Lauf der Zeit in einen Konflikt. Ihn stört an Hölderlin das Selbstvertrauen, das Strahlende, für das er scheinbar keinen äußeren Status benötigte. Im Gegenteil: Er war arm und die Herzen flogen ihm zu, Sohn Henry liebte und bewunderte seinen Lehrer. Auch bei seiner Ehefrau Susette war einiges an Sympathie für Hölderlin vorhanden, der diese Gefühle herzlich erwiderte.

Sympathie mit Henry

Der neunjährige Henry Gontard war ein lernbegieriger und freundlicher Knabe. Zwischen Zögling und Lehrer entwickelte sich schnell eine gegenseitige Sympathie. In späteren Briefen redet Henry seinen Lehrer Hölderlin stets mit „Mein Holder“ an. Der Unterricht findet vormittags statt und umfasst die Fächer Geschichte, römische Geschichte, Deutsch und Geografie. Hölderlin erhält ein ansehnliches Jahresgehalt von 400 Gulden bei freier Kost und Logis. Zu Hölderlins weiteren Pflichten gehört die Anwesenheit bei den zahlreichen Gesellschaften, die der Bankier in seinem Haus veranstaltet. Hier hat er über die Erfolge seines Zöglings zu berichten.

Anfängliche Zufriedenheit

Hölderlin schien anfangs mit seiner Stellung im Hause Gontard zufrieden zu sein. Neuffer gegenüber fällt das Wort von „Sehr guten und wirklich, nach Verhältniß, seltnen Menschen.“ Im Februar 1796 redet Hölderlin gar von „Glück“, er lebe „sorgenlos, und so leben ja die seeligen Götter.“

Hölderlin Ansprüche gehen einher mit den geistigen Leben. Er vergleicht sich mit den Denkern seiner Zeit. Dazu zählen Herder, Fichte, Schiller und Goethe, ebenso Schelling und Hegel, die beide daran arbeiten, sich eine akademische Karriere aufzubauen.

Gontard konnte da nicht mithalten. Diese Welt des Geistes und der Philosophie war ihm fremd. Das behinderte den Austausch mit Hölderlin und entfremdete diesen seinerseits von dem Bankkaufmann. Im Juli 1797, mehr als ein Jahr, nachdem Hölderlin in das Haus Gontard eingezogen war, heißt es dann in einem Brief an Neuffer: „Ich schweige und schweige“ und er gesteht: „Ich bin zerrissen von Liebe und Hass.“ Das Verhältnis der beiden wandelte sich, Hölderlin wurde auffallend schweigsam und Gontard zeigte sich als ungewöhnlich reizbar und attackiert seinen Hofmeister mit schweren Beleidigungen.

Beleidigungen und Herabwürdigungen

Nach außen gibt Gontard den gesitteten Kaufmann mit guten Manieren. Dabei schmückt er sich gerne mit fremden Federn. So zieht er es in der Frankfurter Gesellschaft vor, seine eigene Person aufzuwerten, indem er sich die Schönheit seiner Frau von anderen versichern lässt. Außerdem prahlt er mit den Lernfortschritten seines Sohnes und kommentiert sie trotzdem zynisch mit Blick auf seinen Hofmeister. Dazu nötigt er die Gesellschaften, sich dies anzuhören. Es hat den Anschein, dem Kaufmann gefällt es, sich zu profilieren, indem er andere ausgrenzt, die nicht seinen von Gelddingen geprägten Wertmaßstäben genügen. Seine Frau steht hilflos zwischen den Konfliktparteien. Inzwischen wird in der Frankfurter Gesellschaft über das Liebesverhältnis zwischen Susette und Hölderlin getuschelt und es werden Gerüchte gestreut, denen Gontard, aber auch Hölderlin nichts entgegenzusetzen haben. Der Mutter schreibt Hölderlin kurze Zeit nach Ende der Anstellung bei den Gontards: „Aber der unhöfliche Stolz, die geflissentliche tägliche Herabwürdigung aller Wissenschaft und aller Bildung, die Äußerungen, dass die Hofmeister auch Bedienstete wären, dass sie nichts besonders für sich fordern können, weil man sie für das bezahlte, was sie täten, usw., kränkte mich, so sehr ich suchte, mich darüber weg zu setzen, doch immer mehr.“

Zufall oder nicht?

Wie erklärt sich Hölderlin diese Auseinandersetzung. Nimmt es Hölderlin als Zufall, dass er mit Gontard in solche Umstände geraten ist?  Die Frage lässt sich nicht sofort klären. Hölderlin verteidigt zunächst sich und seine Position gegenüber Gontard. Er fühlt sich gestärkt, da er mit Susette die Ehefrau auf seiner Seite hat und mit ihr sich darüber austauschen kann, was da eigentlich vor sich geht. Diese Allianz verstärkt jedoch bei Gontard das Gefühl, ganz allein zu sein. Gontard ist nicht an Susette als Mensch interessiert, sondern nur an seinem Nachkommen, Sohn Henry. Susette wusste das und ertrug Gontards falschen Hochmut und die übertriebene Aufmerksamkeit, die er seinem Sohn entgegenbrachte, solange Hölderlin in ihrer Nähe war.

Gontard hat miterlebt, wie sein Sohn Henry zu Hölderlin hält. Das reizt den isolierten Gontard und lässt ihn gegen den seiner Meinung nach hauptverantwortlichen Hölderlin noch massiver vorgehen. Allerdings scheute er sich, eine Trennung herbeizuführen. Es hat den Anschein, als sei Gontard der Situation hilflos ausgeliefert, obwohl er glaubt, die Initiative läge auf seiner Seite. Doch nicht nur Gontard, auch Hölderlin und Susette sind sich nicht im Klaren, wie die Sache sich entwickeln wird. Dabei wird erkennbar: Ein Geist wie Hölderlin nimmt überhaupt nichts als Zufall. Wie für einen guten Lyriker unentbehrlich, ist er in seiner Selbstbeobachtung überaus präzise. Er beschreibt, wie und was mit ihm geschieht. Er scheint auch zu wissen: die Attacken haben eine tiefere Ursache.

Die erlittene Kränkung erhöht seine Scham gegenüber dem eigenen Glück.

Ist Hölderlin womöglich arrogant?

Was macht Hölderlin so unangreifbar? Hatte er etwas, womit er über andere hinausragte? Seine innere Schönheit und Würde der Seele blieb den anderen nicht verborgen. In den Briefen von Susette charakterisiert und bestätigt sie seine Sonderstellung in der Gemeinschaft. Die Reaktionen der anderen reichen von Bewunderung bis Neid und Missgunst. Die Palette von Gefühlen in Hölderlins Umgebung ist mannigfaltig. Gontard missdeutete Hölderlins Verhalten als arrogant. Das regt Hölderlin an, über Gontard vernichtend zu urteilen: „…Je angefochtener wir sind vom Nichts, das, wie ein Abgrund, um uns her uns angähnt, oder auch vom tausendfachen Etwas der Gesellschaft und der Thätigkeit der Menschen, das gestaltlos, seel- und lieblos uns verfolgt, zerstreut, um so leidenschaftlicher und heftiger und gewaltsamer muss der Widerstand von unserer Seite werden. Oder muss er es nicht?“ (…), so schreibt Hölderlin im November 1797 an den Bruder. Diese Formulierung distanziert und abstrahiert den Gegenstand. Hölderlin hebt das Ganze damit auf eine höhere Stufe. Was folgt daraus?

Widerstand oder Relativierung?

Hölderlins Widerstand erlahmt, sobald er realisiert, dass seine materiellen Möglichkeiten nicht ausreichen, Gontard auch nur annähernd Paroli zu bieten, um selbst für Susette und eine Familie zu sorgen. Er erleidet seinen eigenen Worten nach „Schiffbruch“. Später erst vermag er sich wie ein Schiffbrüchiger auf einen Balken zu retten. Dieser sinnbildliche Balken besteht aus einer Relativierung, die er der Mutter gegenüber äußert. Um die erlittene Demütigung kleiner erscheinen zu lassen, als sie in Wahrheit war, werden die Schmähungen von Gontard später von Hölderlin beschrieben als eine Normalität des „Hofmeisterlebens, wie es mehr oder weniger überall ist.“  Hölderlin hätte es vielleicht hingenommen, im Hause Gontard, wie er es selbst formuliert, nur „das fünfte Rad am Wagen“ zu sein, wenn sein Gegner mehr Format besessen hätte. Doch sein Gegner war ein Bankier, kein Schiller und auch kein Goethe. Ein Urteil von diesen beiden hat der jüngere Hölderlin stets respektiert und erduldet. Er hätte sich womöglich angepasst, doch die Erfahrung mit Gontard ist eine andere: Sie treibt Hölderlin in die Selbstständigkeit.

Götter und Menschen

Hölderlins Selbständigkeit erscheint nicht nach üblichen Maßstäben in Äußerlichkeiten, sondern sein Maß setzen ihm die Götter. In dem Gedicht „Die Götter“, entstanden im Juni 1800, heißt es bei Hölderlin:

Ihr guten Götter! arm ist, wer euch nicht kennt,
Im rohen Busen ruhet der Zwist ihm nie,
Und Nacht ist ihm die Welt und keine
Freude gedeihet und kein Gesang ihm.

Er zeigt damit, wie nah ihm die Götter eigentlich sind. Diese Verbindung erneuert er in seiner Dichtung auf unterschiedliche Arten, wie es viele Beispiele belegen. Dabei beschreibt er das Terrain zwischen Göttern und Menschen zeitgemäß und präzise.

Nur einer wie Gontard, der nichts von den Göttern weiß, kann auf Freude und Glück verzichten, die auf der Erde nur göttergewollt existieren. Diese Überzeugung waltet in Hölderlin und lässt ihn gegenüber Gontard sich so verhalten, wie es ein Gott gegenüber einem undankbaren Menschen tun würde: Er entzieht sich dem anderen physisch und geht im September 1798. Aufgrund seiner physischen Abwesenheit bleibt den Zurückbleibenden der „nie ruhende Zwist“ und in letzter Konsequenz auch der Tod Susettes.

Die Schlafenden verunreinigen das Schicksal

Wer von den Göttern geliebt wird, hat die Aufgabe, die Schlafenden unter den Menschen zu wecken. Diese Schlafenden aber haben keinen Sinn für die Wahrheit. In dem Gedicht „Dichterberuf“, das nach 1800 entstand, gibt Hölderlin dem Dichter die Aufgabe, wach zu sein, der Engel des Tages zu werden, der Erwecker und Eroberer der Wirklichkeit. Das freilich kann dem Dichter nur gelingen, mit Schreibfeder und Tinte, wenn Bacchus, ein Beiname des Dionysos, mithilft:

…Und du, des Tages Engel! erweckst sie nicht,
Die jetzt noch schlafen? gib die Gesetze, gib
Uns Leben, siege, Meister, du nur
Hast der Eroberung Recht, wie Bacchus….

Was der wache Dichter nicht hinnehmen kann, ist, wenn sein Schicksal durch den falschen Stolz eines „Schlafenden“ verunreinigt wird. Halten die verbalen Schläge von Gontard an, muss Hölderlin fürchten, nicht mehr für die Kunst leben zu können[1].

In dem Brief an seinen Bruder heißt es bei Hölderlin: „…. wer vermag sein Herz in einer schönen Grenze zu halten, wenn die Welt auf ihn mit Fäusten einschlägt?“ So schlagen die Schlafenden auf die Literatur ein, erheben sich über die schönen Künste und lästern über Philosophie und Bildung. Den Schlafenden wirft sich der Engel des Tages entgegen. Es ist dies der Dichter, der sich der Macht des Dionysos versichert, indem ein Thema wählt, es künstlerisch bearbeitet und verdichtet. Es ist der Kampf des Künstlers gegen das Chaos.

Die Liebe hebt die Trennung auf

Hölderlin wendet sich nun ausschließlich Susette in Liebe zu. Er empfindet Dankbarkeit für diese Liebe, denn sie öffnet ihm sein Inneres. Sein gehüteter Quell darf nun lebendig werden. Wohl zum ersten Mal im Leben empfindet er, dass die Trennung, die zwischen der Götterwelt und den Menschen besteht, aufgehoben ist. Er weiß nun, dass die Trennung hier auf der Erde umgearbeitet werden kann, ein Geteiltsein, das in seinem Werk vielfach zum Thema gemacht wird, so etwa in diesem Gedicht: „Ihr wandelt droben im Licht / Auf weichem Boden, / seelige Genien ! / …. Doch uns ist gegeben, / auf keiner Stätte zu ruhn, / es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen ….“[2][3] Die Aufhebung der Trennung von den Göttern wird in einem kurzen Lebensabschnitt für ihn mit Susette erlebbar auf die Erde gebracht. Sie wird für ihn zu einem Schlüssel, um die Tür zu den seeligen Genien zu öffnen. In dem Gedicht „An den Baum“ (1797) wird diese Tür in einem gewaltigen Naturgeschehen aufgestoßen:

„… und die ewigen Bahnen
Lächelnd über uns hin zögen die Herrscher der Welt,
Spielten, des Augenblicks feurige Kinder, um uns,
Aber in unsrem Innern, ein Bild der Fürsten des Himmels,
Wandelte neidlos der Gott unserer Liebe dahin,
Und er mischte den Duft, die reine, heilige Seele,
Die, von des Frühlings silberner Stunde genährt,
Oft überströmte, hinaus ins glänzende Meer des Tages,…“

Seine Liebe zu Susette ist kostbar, denn sie nährt die Herrscher der Welt, also Sonne und Mond und Sterne, und auch die Blitze der Wolken, also Gottvater Zeus selbst. Die aber, die „lächelnd über uns hinzögen“, strömen „aus dem Augenblick heraus“ ins „glänzende Meer des Tages“.

Die Liebe und das Gefühl der Dankbarkeit vor den Störmanövern schützen zu können, ging über die Kräfte Hölderlin. Aus dieser Furcht heraus beendet Hölderlin einseitig die Verbindung zu Gontard im Herbst 1798 und verlässt das Haus.

Selbstgewolltes Leid

Hölderlin sieht sein Schicksal von Gontard in den Abgrund gestoßen, so wie er es durch Susette ins Himmlische erhoben fühlt. Das Glück der Liebe rechnet sich Hölderlin nicht selbst an und auch nicht Susette, seiner „Geliebtesten“. Er nimmt das Liebesglück als Geschenk, das die beiden von den Herrschern der Welt empfangen. Und was ist mit Gontard? Hölderlin rechnet diesen Konflikt mit Jakob Friedrich Gontard nicht den Göttern zu. Doch sieht er auch keine Schuld bei sich selbst. Man kann annehmen, er hätte unbewusst den Konflikt selbst gewollt. Dies wäre zwar den karmischen Gesetzen gemäß, aber sieht es auch Hölderlin so? Noch ist ihm das Geschehen ungreifbar, gerade weil es ihm seelische Pein bereitet. Es ist, als wollte sich Hölderlin mit diesem Konflikt selbst in die Selbständigkeit entlassen. Nicht allein, um sich und seine Liebe zu Susette aus einer souveränen Haltung heraus zu prüfen, sondern um sich ein wenig näher dem zu bringen, was als Vollendung ganz am Ende seiner Entwicklung auf ihn wartet: Sein Karma zu verstehen. Dieses Verständnis bedeutet, nicht mehr den Ereignissen im Leben magisch ausgesetzt zu sein. Das menschliche Motiv für Hölderlin, die Familie Gontard zu verlassen, bestand demnach darin, den magischen, weil unverstandenen Moment der verfahrenen Situation zu durchbrechen. Es wäre der Zustand, in dem der Mensch seine Einfalt hinter sich lässt und die Organisation der Natur im Hinblick auf das menschliche Schicksal versteht und in die Hand nimmt. Im „Fragment von Hyperion“ spricht Hölderlin über die Möglichkeit, sich selbst zu organisieren, als Ideal des Daseins, ausgehend von dem Zustand, mit der Organisation der Natur verbunden zu sein. Eine solche Aussage macht deutlich, wie nah Hölderlin dem Karmagedanken ist und wie er ihn möglicherweise erahnt.


[1] Hölderlin Texturen Band 3, Seite 33ff.

[2] Aus „Hyperions Schicksalslied“, ebenso in Hyperion oder der Eremit in Griechenland, Zweiter Band, Zweites Buch, Hyperion an Bellarmin

[3]

An die Madonna: Leere stille Orte

Die meisten Gedichte von Hölderlin sind abgeschlossene Werke, seien es die Gedichte oder die Hymnen. Es gibt jedoch einige Ausnahmen. Besonders sticht dabei das Drama „Der Tod des Empedokles“ hervor. Zwischen 1798 und 1799 entstehen davon drei Fassungen, jede bleibt ein Entwurf. Unter der Rubrik „Hymnische Entwürfe“ finden sich daneben einige begonnene und nicht abgeschlossene Texte wie „Was ist Gott?“ oder „Was ist der Menschen Leben?“ Anders die Hymne „An die Madonna“, sie endet nicht nach einem Dutzend Zeilen, sondern umfasst etwa 180 Zeilen. Warum also firmiert die Hymne unter der Rubrik „Entwürfe“? Nicht wegen ihres Anfangs und nicht wegen ihres Endes, beides, der Einstieg in die Hymne und der Ausstieg sind voll ausformuliert.

Im mittleren Teil bleibt jedoch die eine oder andere Zeile ausgespart und der Text schafft es an diesen Stellen nicht bis zur Strophe. Das Poem erfährt dadurch eine fortlaufende Fraktur, nimmt Fahrt auf und wird wieder unterbrochen, beispielsweise mit der Zeile „Denn damals sollt es beginnen / Als ….“ Es folgt nach dem „als“ eine Blindzeile, erst danach setzt sich das Ganze wieder in Gang  mit „Geboren dir im Schoße …“ Die Auslassungen erwecken den Eindruck der Vorläufigkeit, man meint, der Dichter denke noch nach, welche Aussage an dieser Stelle angebracht wäre. Zu gegebener Zeit, hofft man, hätte der Autor eine passende Eingebung und fülle damit das Fehlende. Es bestünde dann die Möglichkeit, das schon Geäußerte mit Neuem zu ergänzen.

Vielleicht aber handelt es sich gar nicht um die zu schließenden Lücken, vielleicht ist ja das Nicht-Sichtbare eigener Inhalt, der sich mitteilen will. Dann aber wäre, was leer erscheint, ein bewusst gemachter, ein in das Poem hineingebrachter leerer, stiller Ort. Was sagen uns solche wortlosen Orte in den Werken von Hölderlin? Welcher Geist schafft sie? Einer, der mit seinem Bewusstsein noch tiefer greifen und noch breiter sich entfalten möchte, als es der Alltag erlaubt? Es ist der Geist, der mehr Raum für Erinnertes aus früheren Leben schafft. Ein vergangenes Leben vielleicht zu der Zeit, in der Christus gelebt hat.  Dabei wird die eigene Zeitgenossenschaft zu vergangenen Ereignissen wie etwa der Geburt des Gottessohnes in Betracht gezogen. Aber wer von uns erinnert sich schon daran, da er doch gar nicht weiß, ob er zu jener Zeit auf der Erde war und eine menschliche Gestalt besaß? Auch Hölderlin wusste es nicht, aber er geht die Sache an mit einem Provisorium, also mit einem Entwurf. Er ist weit mehr als eine Skizze, mehr als eine unverbindliche Tat des Willens, mehr als ein Versuch, über die Gegenwart in die Vergangenheit einzudringen.

Und doch ist das Gedicht ein Provisorium. Provisorisch beschreibt Hölderlin, was geschah. Mit dem Gesagten schafft er den Freiraum für das Ungesagte. Das Nichtverfasste schiebt umgekehrt den Inhalt vom Dichter und vom Leser wieder weg. Mit den vielen wortlosen Plätzen im Gedicht wird Vieles in Frage gestellt. haben wir dies an fortlaufend. Beim Verweilen wird man sich seines Gemütes im Gedächtnis bewusst. Das Gemüt schafft herbei das Ahnen und die Gewissheit, dass da etwas war. Man greift nach seinem Karma.

Das Protestantische und das Fremde

Es hat auch etwas Vorläufiges, wenn ein protestantischer Zögling, in Deggendorf und Maulbronn in Obhut bei evangelischen Pfarrern sowie später als Student im evangelischen Tübinger Stift, sich der heiligen Mutter Gottes zuwendet. Muss er nicht damit rechnen, von diesem Platz gleich wieder vertrieben zu werden? Im protestantischen Unterricht dürfte die katholisch-lateinische Gottesmutter kaum an prominenter Stelle behandelt worden sein. „An die Madonna“ darf freilich nicht als Reaktion auf seine Ausbildung missverstanden werden. Auch nicht als beflissene Tat eines dichtenden Protestanten und Theologen, der, als es 1790 zum Abschluss des Studiums kam, eine Predigt in Tübingen hielt und fortan vor dem Pfarrberuf flüchtend, nach und nach in den dichterischen Ernst einbog.

Vor diesem Hintergrund bezeichnet sich Hölderlin der Madonna gegenüber selbst in großer Bescheidenheit als „Fremder“, wohl auch, weil er mit seinem Denken intim der griechischen Götterwelt noch immer verbunden ist. Dies einzugestehen, erhellt die „Schatten“ und lässt nicht länger das eigene Fremde der Madonna fremd erscheinen. Mit versöhnender Geste erhebt er daher die Madonna zur mütterlichen Erdengöttin und geht mit ihr zu „Felde“,

„wo wild
Die Lilie wächst, furchtlos,
Zum unzugänglichen,
Uralten Gewölbe
Des Waldes, das Abendland, und gewaltet über
Den Menschen hat, statt anderer Gottheit, sie,
Die allvergessende Liebe.“

Die Hymne und die christliche Zeit

Die Leser erleben mit Hölderlin einen Dichter, der seine Absicht offenlegt, der Madonna zu huldigen, und ehrlich bekennt, sich dabei der Schönheit der Rede zu bedienen.

„Doch, Himmlische, doch will ich
Dich feiern und nicht soll einer
Der Rede Schönheit mir,
Die heimatliche, vorwerfen“

Hölderlin gebraucht die von Pindar erprobte Form der Hymne wie sie im alten Griechenland beliebt gewesen war. Die griechischen Götter konnten mit ihren Kräften, angelockt vom hymnischen Dank, der ehrlich empfundenen Freude des Laudators, zu den Menschen herabsteigen. Götter in Menschenherzen wiederum erweitern deren Präsenz im kosmischen Raum. Oben und Unten gehen in der Hymne Hand in Hand. Indem Hölderlin so vorchristliche Töne aus der griechischen Kulturepoche anschlägt, dringt er gleichsam von hinten her

in die christliche Zeit ein. Wie zur Versöhnung nutzt er den kultischen, rituellen Hintergrund der Hymne für das Christliche, indem er ein modernes, privates Verhältnis zu der heiligen Madonna zum Ausdruck bringt:

„Viel hab ich dein
Und deines Sohnes wegen
Gelitten, o Madonna,
Seit ich gehöret von ihm …

Zu Demeter und Maria

Wer wie Hölderlin als Kind nicht den katholischen oder lateinischen Madonnen-Kult in sich aufgenommen hat, wer infolgedessen in einer Andachtsgrotte nach der dort versteckten Madonnen-Statue mit gemischten Gefühlen sucht, sie „im Gewölbe des uralten Waldes“ vermutet, der nähert sich ihr unerschrockener, und angstfreier, wenn er ihr Demeter zur Seite stellen darf, die in uralter Zeit als Erste das wilde Chaos zähmte.

Zumindest einmal blickt Hölderlin in dieser Hymne auf Demeter, die, als sie um ihre Tochter Persephone trauert, die Unfruchtbarkeit über die Erde kommen ließ:

„Darum beschütze
Du Himmlische sie,
die jungen Pflanzen, und wenn
Der Nord kommt oder giftiger tau weht oder
Zu lange dauert die Dürre
Und wenn sie üppigblühend
Versinken unter der Sense
Der allzuscharfen, gib erneutes Wachstum.“

Dürre und Hunger hätte vermutlich das Gedicht erfasst, wenn Hölderlin den sonst gebräuchlichen Namen „Maria“ verwendet hätte. Er bemerkte wohl rechtzeitig, dass ihm Maria, dieser unverwechselbare Name und sein Klang, den Weg in die Erinnerung an Demeter verbauen würde. Zugleich vermied er es, den Namen Demeters in die Hymne hineinzuschreiben. Denn Demeter beim Namen zu nennen, würde statt zu einer Versöhnung zu einer Konfrontation führen. Eine unmittelbare Konfrontation hätte die wahre Bedeutung der „Mutter Gottes“ relativiert, sie ihrer Kraft beraubt. Durch das Weglassen des Namens kommt Demeter im Geheimen in das Gedicht hinein und schmeichelt damit der Jüngeren Maria. Damit macht Hölderlin den Platz, den beide im Kosmos einnehmen, größer.

Die eine gab einem gewöhnlichen Sterblichen die menschliche Gestalt, um Christus in seine Hülle aufzunehmen. Die andere verlor zuvor (als Demeter) ihre Tochter Persephone an und auf die Erde. Nicht zögert der Dichter, sie beide als „gewaltete Gottheit“, „Himmlische“, „Königin“ und als die „Lächelnde“ zu lobpreisen.

Für diese karmische Verschmelzung von zwei kulturell scheinbar getrennten Göttinnen ist nicht unerheblich das Geschehen der Mutterschaft, das sich beide teilen. Es ist die Madonna, die das Christuskind gebiert

„Geboren dir im Schoße
Der göttliche Knabe“

und es ist die Göttin Demeter herabgestiegen, den Säugling Triptolemos, den sie als Amme auf der Erde pflegt, über das Feuer zu halten, um ihn unsterblich zu machen.

Hölderlin zieht Zeitgenossenschaft in Betracht

Bei der von Hölderlin vorgelegten Entwurfs-Poesie handelt es sich um eine karmische Arbeitsweise. Möglicherweise war er ein Zeitgenosse der Zeit, die verbunden ist mit der Frau, die nach der Überlieferung Gottes Sohn geboren hat.

Hölderlin beschreibt mit der Menschwerdung des Göttlichen einen karmischen Vorgang, der die ganze Menschheit betrifft, aber auch die individuelle Ebene des Einzelnen berührt. Der Hinweis auf die Madonna als Frau, der es lieb ist, „Wenn größer die Söhne sind, Denn ihre Mutter. …“ regt den Leser an, sich gewahr zu sein, selbst sowohl in der Rolle des Sohnes wie in der Rolle der Mutter auf der Erde dann und wann zu erscheinen. Zugleich darf der Mensch in Eigenverantwortung sich seines Ichs und dessen Entwicklung annehmen, um es dem Gottessohn, der zeitlos wirksam und inkarniert ist, über die verschiedenen Erdenverkörperung hinweg gleichzutun.

Hölderlin war auch verbunden mit dem Bedeutsamen und Bereichernden der griechischen und der noch älteren Epoche, in der Demeter in den Mysterien von Eleusis eine gefeierte Göttin war. Hat er womöglich auch zu dieser Zeit gelebt? Wie wissen es nicht, und Hölderlin wäre nicht Hölderlin, würde er etwas behaupten, was nicht zu beweisen ist. Doch durch seine Hymne an die Madonna wird das unbekannt Erlebte wie Erlebtes. Ein karmisch denkender und fühlender Mensch trachtet danach, Vergangenes als Erlebtes ins Heutige einzubeziehen und umgekehrt, das Heutige mit dem Alten zu verbinden. Wann immer möglich, erinnert sich der Sänger, wenn ihm neue Ereignisse begegnen, was sein früheres Leben damit zu tun haben könnte. Lesen wir die Hymne mit „tiefer Innerlichkeit“ (Hölderlin), dann fällt uns der Gedanke nicht schwer, dass der Verfasser in der Zeit Christi gelebt haben könnte. Gemäß den karmischen Gesetzen, sollten wir getreu den Regeln diesen Gedanken aber wieder von uns wegschieben, denn er ist provisorisch, solange wir es nicht wirklich wissen. Erst dann sind wir im Gemüt frei für das, was war.

Nutzen wir unsere Zeit bei diesem Gedicht zu einer Übungsstunde, die zu solchen Vorgängen hinleitet. Es wäre eine Übungsstunde in vorläufigem Erinnern, was gewesen sein könnte und im Wegschieben dieser Inhalte.

Noch Eins ist aber
Zu sagen. Denn es wäre
Mir fast zu plötzlich
Das Glück gekommen,
Das Einsame, das ich unverständig
Im Eigentum
Mich an die Schatten gewandt,
Denn weil du gabst
Den Sterblichen
Versuchend Göttergestalt,
Wofür ein Wort? So meint ich, denn es hasset die Rede, wer
Das Lebenslicht, das herznährende, sparet.“

Zu Friedrich Hölderlins „Friedensfeier“

Volker Rothfuß

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift „Anthroposophie – Ausgabe Ostern 2020“ (Teil 1) und „Anthroposophie – Ausgabe Johanni 2020“ (Teil 2.).

Zwei Schwellen-Ereignisse rahmen die Arbeit Friedrich Hölderlins an seiner Christus-Hymne „Friedensfeier“ ein. Als Hölderlin Anfang 1801 mit der Arbeit an „Friedensfeier“ begann, ging zeitgleich Novalis durch die Pforte des Todes. Etwa ein Jahr später, im Juni 1802, stirbt die ihm eng verbundene Susette Gontard. Im Herbst desselben Jahres stellt Hölderlin sein Gedicht „Friedensfeier“ fertig. Es sind diese zwei Individualitäten und deren nachtodlichen Seelenerlebnisse, die Hölderlin wahrnimmt und die, zusammen mit seinem eigenen Karma, Aufnahme finden in „Friedensfeier“. Lesen Sie einen Auszug (bis zur dritten Strophe) aus dem dazu entstandenen Text.

Mit der Christus-Hymne “Friedensfeier“ erhebt Friedrich Hölderlin seine Dichtkunst zu einem Begegnungsort von Gott, Göttern und Menschen. Er gibt der festlichen Hymne eine Triadenstruktur, wie sie auch das Werk von Novalis häufig zeigt. Es sind Novalis nachtodlichen Seelenerlebnisse, die Hölderlin auf seelisch-geistigem Gebiet wohl aufgenommen hat und seine Arbeit an „Friedensfeier“ mitgetragen haben, zusammen mit Hölderlins eigenen rosenkreuzerisch-christlichen Prinzipien aus seiner geistigen Herkunft.

Am 23. Februar 1801 schreibt der 30jährige Hölderlin an seine Schwester: Es sind „seltne Tage, die Tage der schönen Menschlichkeit, die Tage sicherer, furchtloser Güte, und Gesinnungen.“ Hölderlin war von einem furchtlosen Gottempfindungsdrang erfasst, wie er ihn zuletzt in den Jahren 1798 und 1799 gefühlt hatte, als er mit Empedokles[1]eine Persönlichkeit des alten Griechenlands in sein Bewusstsein hob, „die vorbereitet war mit einem starken Ich-Bewusstsein, um verstehen zu können den Bringer des starken Ich-Bewusstseins.“[2]Anders als Jahre zuvor beim „Tod des Empedokles“ wählt Hölderlin für „Friedensfeier“ nicht die Form des Dramas, sondern mischt idealisch-heroischen Gesang mit epischen Sequenzen eines Ichs.

Rudolf Steiner sah in Empedokles einen bedeutenden Menschheitsführer seiner Zeit, der in dem leidenschaftlichen Verlangen, die Welt griechisch-materialistisch zu ergreifen, sich in den Ätna stürzte. Sein Opfer diente dazu, ätherisch den Christus durch eine Art Rückschau in den vier Elementen zu finden.[3] Das Experiment misslang, denn als Empedokles im 5. Jahrhundert vor Christus lebte, stand das Christus-Ereignis noch aus. Mit dem Mysterium von Golgatha erst war es dem Menschen möglich, nach und nach den ätherischen Christus in sich zu vergegenwärtigen. Hölderlin setzt diese Suche am Beginn des 19. Jahrhunderts mit „Friedensfeier“ fort. Novalis ging zu diesem Zeitpunkt gerade 28jährig am 25. März 1801 über die Schwelle des Todes.

Nach der Karmaforschung von Rudolf Steiner gehört Novalis zur Individualität von Johannes dem Täufer, dem Verkünder des spirituell zu erfassenden Christus-Impulses. Novalis drang nach seinem Tod in die Mondensphäre ein und nahm dort die inneren Impulse zu seinem Karma auf.[4] Dabei wurden die Vorstellungen frei, die diese Individualität im Hinblick auf die Substantialität des Christus mit all ihrer Kraft ins Bewusstsein aufgenommen hatte.

Hölderlin gliedert „Friedensfeier“ im Hauptteil mit drei Triaden zu jeweils drei Strophen (= 9 Strophen). Jeder Triade gibt er zwei Strophen mit jeweils 12 Zeilen und eine dritte Strophe mit 15 Zeilen.

Erste Triade

Ruhige Christus-Begeisterung

Der himmlischen, still widerklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seliggewohnte Saal; um grüne Teppiche duftet
Die Freudenwolk und weithinglänzend stehn,
Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche,
Wohlangeordnet, eine prächtige Reihe,
Zur Seite da und dort aufsteigend über dem
Geebneten Boden die Tische.
Denn ferne kommend haben
Hieher, zur Abendstunde,
Sich liebende Gäste beschieden.

Das Gedicht beginnt in einer Atmosphäre des geistigen Hörens, „der himmlischen, still widerklingenden,/ Der ruhigwandelnden Töne voll, …“, so als berührten des Sängers Finger zart die Saiten einer Lyra. Wie der stille Klang der Lyra aus den stark gespannten Saiten des Instruments hervortritt, so begegnen uns in Hölderlins sanft gezeichnetem Anfangsbild die „von ferne kommend, zur Abendstunde, sich liebende Gäste“ mit all ihrer verborgenen Kraft. In diesen Gästen lassen sich die Johannes-Täufer-Individualität und die Jünger erkennen, die, Hölderlin sich mitteilend, aus Geisteswelten durch Novalis auf die Erde hereinströmen.[5] Die Gäste haben sich „beschieden“, sich also selbst an den Ort des geistigen Hörens – das Gedicht – beordert. Dieses ist ein „altgebauter, seliggewohnter“ Saal, der sich seit alters her für die Begegnung der Götter mit den Menschen eignet. Ähnlich einem nach vier Seiten hin offenen griechischen Tempel erweitert sich dieser Saal zu einer grünen, „weithin glänzende(n)“ Landschaft. Dabei tritt vor das geistige Auge des Lesers eine weite Flussebene, deren viele sich Griechenland schmücken darf, voll reifer Früchte und goldbekränzter Kelche, gesäumt von Bergen, „aufsteigend wie Tische“, mit dem zielführenden Motiv, „ihn selbst zu sehn, den Fürsten des Fests.“ Mit dieser Bezeichnung versammelt Hölderlin all die Gedankenkraft, die im Jahre 1801 aus heutiger Sicht heraus aufgebracht werden kann, um auf den bald zu begrüßenden Christus als Wesen einer anderen Ordnung zuzugehen.

Göttliche Klarheit

Und dämmernden Auges denk ich schon,
Vom ernsten Tagwerk lächelnd,
Ihn selbst zu sehn, den Fürsten des Fests.
Doch wenn du schon dein Ausland gern verleugnest,
Und als vom langen Heldenzuge müd,
Dein Auge senkst, vergessen, leichtbeschattet,
Und Freundesgestalt annimmst, du Allbekannter, doch
Beugt fast die Knie das Hohe. Nichts vor dir,
Nur Eines weiß ich, Sterbliches bist du nicht.Ein Weiser mag mir manches erhellen; wo aber
Ein Gott noch auch erscheint,
Da ist doch andere Klarheit.

Der Ich-Erzähler des Gedichts erwartet, dem „Fürst des Festes“ persönlich zu begegnen. Er hofft, den eingeladenen makrokosmischen Gott empfangen zu dürfen. Dieser steht zur Erde in einem besonderen Verhältnis: sein „Ausland“. Dem vom geistigen Gebiet auf den physischen Plan zum Gastmahl Gerufenen verleiht Hölderlin das göttliche Attribut der Unsterblichkeit („Sterbliches bist du nicht“). Christus, der Mensch geworden ist, also „Freundesgestalt“ annahm, will Hölderlin keinesfalls als Religionsstifter verstanden wissen, stattdessen charakterisiert er ihn in seinem tiefsten Wesen als den „Allbekannten“, „Allversammelnden“, mit dem die Zukunft der Menschheit beginnt. Und er will den aufgeklärten, „erhellten“ Menschen als denjenigen darstellen, der sein klares Denken dem Gott zuordnen kann („da ist doch andere Klarheit“). Mit dem Christus-Ereignis von Golgatha werden geistige Tatsachen wirksam, die es dermystischen Anschauung ermöglichen, Erkenntnisse von „solcher Klarheit“ hervorzubringen, dass sie streng wissenschaftlichen Standards genügen.[6]

So kann gefragt werden: Nahm Novalis aus dem Gegenüber seinen Anteil an der „Friedensfeier“, indem seine Klarheit, seine Vorstellungen und Denkkräfte aus der Mondensphäre zu Hölderlin gelangten? Nach Rudolf Steiner werden unsere Vorstellungen und Denkkräfte in der Mondensphäre „gegenständlich“, verbreiten sich in die Welt hinaus, so dass der Mensch „von sich fortgehen fühlt zunächst alles dasjenige, was er an Erlebnissen bewusst durchgemacht im Erdenleben zwischen Geburt und Tod.“[7] Dieser Zufluss an Vorstellungen ergreift die Menschenseele, es „beugt fast die Knie das Hohe“, an anderer Stelle nennt Hölderlin diesen Vorgang die „Totalempfindung“, oder „den Gott in uns“ treffen.

Einen Gott erfasst kein Name

Von heute aber nicht, nicht unverkündet ist er;
Und einer, der nicht Flut noch Flamme gescheuet,
Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jetzt,
Da Herrschaft nirgend ist zu sehn bei Geistern und Menschen.
Das ist, sie hören das Werk,
Längst vorbereitend, von Morgen nach Abend, jetzt erst,
Denn unermeßlich braust, in der Tiefe verhallend,
Des Donnerers Echo, das tausendjährige Wetter,
Zu schlafen, übertönt von Friedenslauten, hinunter.
Ihr aber, teuergewordne, o ihr Tage der Unschuld,
Ihr bringt auch heute das Fest, ihr Lieben! und es blüht
Rings abendlich der Geist in dieser Stille;
Und raten muß ich, und wäre silbergrau
Die Locke, o ihr Freunde!
Für Kränze zu sorgen und Mahl, jetzt ewigen Jünglingen ähnlich.

In „Friedensfeier“ wird Christus als Gast ohne Namen geführt. Das erhöht die Aktivität ihm gegenüber. Eine Namensnennung würde den Christus in die Unschuld der Religionsanfänge einordnen. Überhaupt, Eigennamen reichen nicht mehr aus, „dahinterzukommen, mit was oder mit wem wir es eigentlich zu tun haben.“[8] Damit stößt Hölderlin die gewöhnliche Sprache zurück, die in das Bewusstsein heraufwill. Er emanzipiert sich von den längst vergangenen, den „schlafenden“ Erfahrungen der Menschen, aus den „Tagen der Unschuld“. Im Verlauf der Erdenentwicklung brauchte es zunächst Namen für die Götter, etwa „Zeus“ für das Himmelsgeschehen, um die daraus wirkenden Kräfte in die Erde zu integrieren. Auf diese Weise sorgten die göttlich-geistigem Wesen in alter Zeit dafür, dass „der Erdenorganisation der Boden, das Klima und sogar schließlich das geistige Leben“ eingegliedert werden konnten.[9] Denn „unermesslich braust, in der Tiefe verhallend, / Des Donnerers Echo, das tausendjährige Wetter, / zu schlafen, übertönt von Friedenslauten, hinunter.“ Nun geht es darum, eine Entwicklung mit der Sprache durchzumachen.

Wendepunkt war der Beginn der fünften nachatlantischen Kulturepoche im Jahr 1413, als die Menschen „ewigen Jünglingen ähnlich“ einen neuen Entwicklungszustand erreichten, nun aber nähern wir uns schon der sechsten Kulturepoche. Seitdem ist „mit einem menschlichen Namen, einem menschlichen Wort nicht ein Göttliches zu erfassen.“[10] Das neue Zeitalter sendet seine Lichter voraus, man macht sich frei von einer Sprache, welche die Seele hindert, vorwärtszukommen und an der Entwicklung teilzunehmen. Novalis sucht als Dichter den Christus nicht im gewöhnlichen Sinnenschein. In seinen „Hymnen an die Nacht“ (1799-1800) wendet er sich abwärts „zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht,“ die uns „die unendlichen Augen“ öffnet, um am Tag die Dinge klar sehen zu können. Auch hier kein Name, um auf einen Gott zu schließen, stattdessen dringt ein Gottesinhalt als Notwendigkeit vom Innersten im Menschen bis hinaus in die Natur und in den Kosmos.

Ebenfalls drei Strophen umfasst die …

Zweite Triade

Rudolf Steiner gibt an, was sich der Mensch aus der geistigen Welt mit Folgen für die Welt ab Mitte des 15. Jahrhunderts mitbrachte. Er sieht in den damals Geborenen eine geringe Anlage „für ursprüngliche Schöpfungen der Phantasie“, ausgehend davon, dass sich durch Empfängnis oder Geburt ihren Seelen „etwas Eigenschaftsloses, etwas Bildloses“[11] eingeprägt hatte. Wer aus dieser Zeit die meisterlichen Werke von Michelangelo, Raffael oder da Vinci betrachtet, wird an ihnen eine Darstellung heraufgeholt finden, wie sie in der Antike Menschen schon im Gemüt getragen haben. Das alles geschah nun aber mit Einsatz des Intellekts und des Wissens, um die Bilder dem Verstand zur Bewunderung zu übergeben. Impulse aus dem arabischen, griechischen und ägyptischen Altertum befruchteten im 14./15. Jahrhundert auch Persönlichkeiten wie Theophrastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, Johann Doktor Faust und die Rosenkreuzer auf den Gebieten der Alchemie. Der Wissensintellekt fasste die einstmals heilig-versiegelte Natur nun als Ort von Prozessen, deren Verhältnisse ein nüchternes Studium erforderten. Hölderlin ist mit diesem Ausleben der Nüchternheit verbunden, da er im 15. Jahrhundert in einer Inkarnation „als Frau in Italien“[12] erscheint, über die Rudolf Steiner keine weiteren Angaben macht. Ausführlich schaut er dagegen auf einen der höchsten christlichen Eingeweihten, Christian Rosenkreuz, der im selben Jahrhundert erscheint. Christian Rosenkreuz reiste im Alter von 16 Jahren als Mönchsschüler über Rom in Italien nach Damaskus. Wie in „Friedensfeier“ zum Bild absichtsvoll gefügt, verwendet Hölderlin das vom Verstand her gedachte Wort. Antike Versmaße werden gleichsam fragmentiert und auf unkonventionelle Weise neu zusammengefügt, um ihre Wirkung auf dem Gebiet des Christus zu erproben.

Im Versuchslabor Hölderlins

Und manchen möcht ich laden, aber o du,
Der freundlichernst den Menschen zugetan,
Dort unter syrischer Palme,
Wo nahe lag die Stadt, am Brunnen gerne war;
Das Kornfeld rauschte rings, still atmete die Kühlung
Vom Schatten des geweiheten Gebirges,
Und die lieben Freunde, das treue Gewölk,
Umschatteten dich auch, damit der heiligkühne
Durch Wildnis mild dein Strahl zu Menschen kam, o Jüngling!
Ach! aber dunkler umschattete, mitten im Wort, dich
Furchtbarentscheidend ein tödlich Verhängnis. So ist schnell
Vergänglich alles Himmlische; aber umsonst nicht;

„O du, der freundlichernst den Menschen zugetan.“ Das Objektive an dieser Aussage liegt in der Paarung von „freundlich“ und „ernst“, und wenn Hölderlin neben das „du“ des Christus vertraulich sein „ich“ danebenstellt, dann folgt daraus: das Objektive beglaubigt das Persönliche. Aus dem engen Gefäß der Wirklichkeit, in dem zwei Ungleiche, Gott und Mensch, gefangen sind, entweicht etwas vom giftigen Gas des Geschiedenseins in die Atmosphäre. Es entsteht ein gemeinsamer Raum, der es erlaubt, sich abzugrenzen, trotzdem aber im anderen den Freund zu sehen. Das Experimentelle daran lässt sich gut nachvollziehen, wenn wir im Vorspann von der Bitte des Autors lesen, den Text „gutmütig aufzunehmen“. Der Verfasser eilt seinen Lesern voraus, und emanzipiert sich vom konventionellen Stil. Ungewohntes soll Aktivität in den Astralleib des Lesers heraufholen. Im zweiten Schritt kann die menschliche Seelensubstanz nach und nach „in die Objektivität, in das äußere Leben“ überfließen. Dann hat der Mensch selbst getan, „was da erscheinen soll.“[13]

Wie Sinnlich-Physisches auf einen Labortisch gelegt, erscheinen die Worte vom Brunnen „unter syrischer Palme“ Der Dichter stellt den Leser auf die Probe, das Geschehen an der Quelle nachzulesen oder es zu erfragen: die Geschichte von der Frau in Samarien. Gefragt ist erneut der Wille des Lesers. Am Brunnen erkennt die Frau aus Samarien den Christus. Die Frau schildert später im Dorf, da war jemand, der mich als Mensch anerkannte und aus der Wahrheit heraus wahrnahm, und den auch ich als Mensch anerkenne. Das hier angewandte Wirkprinzip fasste Ludwig van Beethoven in diesem Denkspruch zusammen: „Allein Freiheit, Weitergehn, ist in der Kunstwelt wie in der ganzen großen Schöpfung, Zweck.“

Die Wahlverwandtschaft zwischen Gott und Mensch verwendet Hölderlin, um nüchtern das Mysterium von Golgatha als „ein tödlich Verhängnis“ ins Bewusstsein zu heben. Den Verstand in die Sache einschalten, ist auch gefordert, wenn er einen Verbund aus den Worten „Schatten“, „umschatten“ und „Gewölk“ herstellt. Da ist vom „(kühlenden) Schatten des geweiheten Gebirges“ die Rede, und es werden die Jünger, „die lieben Freunde, das treue Gewölk“ erwähnt, die ihren Meister umschatten. Die Jünger umschatteten den Christus, weil sie ihn bei der Taufe am Jordan nicht erkannten. Es waren luziferische Geister, die es verhinderten. Als einziger erkannte Johannes der Täufer den Christus. Als erste freilich erkannten und fürchteten die störenden Wesenheiten den Christus, worauf sie aus ihm bald abziehen mussten.[14] Indem Hölderlin den Leser selbst die Schatten mit Licht füllen lässt, arbeitet er für dessen Weitergang zum Christus auf dem rosenkreuzerischen Weg. Im Jahr 1906 wird Rudolf Steiner darlegen, nur das geschulte und Ich-geführte Denken vermag das Unsterbliche in uns zum Leuchten zu bringen. Dieser neue Schritt erlaubt dem Schüler, unbeschattet den Christus zu denken, sei es, auf dem physischen Plan, sei es, auf den höheren Plänen. Diese Entdeckung aber erfordert „parallel mit der okkulten Schulung eine entschiedene Entwickelung des Denkens“.[15]

Hölderlins Wahlverwandtschaft wird ins Zukünftige hinein zur Wahlfreiheit, den Christus anzuerkennen oder nicht. Weil der Christus „umsonst nicht“ zu Tode kam und er in uns von nun an „umsonst nicht“, also nicht vergeblich gedacht wird und er, also der Christus, den geistig geschulten Menschen „umsonst nicht“, also nicht geschenkt erhält, sondern sein Bürge wird. Was einmal Himmels-Alchemie war, wird für den Denkschüler zur Christus-Chemie.

Tiefprüfende Berührung

Denn schonend rührt des Maßes allzeit kundig
Nur einen Augenblick die Wohnungen der Menschen
Ein Gott an, unversehn, und keiner weiß es, wenn?
Auch darf alsdann das Freche drüber gehn,
Und kommen muß zum heilgen Ort das Wilde
Von Enden fern, übt rauhbetastend den Wahn,
Und trifft daran ein Schicksal, aber Dank,
Nie folgt der gleich hernach dem gottgegebnen Geschenke;
Tiefprüfend ist es zu fassen.
Auch wär uns, sparte der Gebende nicht,
Schon längst vom Segen des Herds
Uns Gipfel und Boden entzündet.

Einem Laborbericht ähnlich ist, wenn wir erfahren, es bliebe „nur einen Augenblick“ Zeit für das gegenseitige Anrühren von Gott und Mensch. Soll das Übersinnliche aus göttlicher Geistebene an uns herantreten, muss der Dichter unseren Astralleib mit maßkundigen Bildern durchsetzen. Andernfalls birgt die ersehnte Berührung das Risiko, den Gott „unversehn“, also nicht zu schauen, ihn zu übersehen, oder auch ein wenig überraschend ihm „unversehens“ gegenüberzustehen. So bleibt das Ganze erneut ein Experiment, denn „keiner weiß es, wenn“. Wenn es aber passiert, dann ist keineswegs ausgeschlossen, die Ungleichheit zwischen Gott und Mensch wäre aufgehoben, zumindest für diese kurze Zeit, die wir haben, um den Christus „tiefprüfend zu fassen“.

Eine Berührung mit dem Christus kann außerdem „das Freche“ in den Menschen hereinleiten. Aus der geistigen Sicht heraus betrachtet, stopft Luzifer dabei „von Enden fern“ seine ätherischen Fühl-Arme in die Sinne hinein.[16] In diesem Fall geht die Wahrnehmung frech hinweg über das, was uns Gleiches mit den Göttern gegeben ist. Statt zu „der Berührung eines Zauberstabs“[17] kommt es womöglich zu einer Ich-Überhöhung. Luzifer brächte dann „rauhbetastend den Wahn“ ins Innere der Seele, etwa mit dem verführerischen Satz: „Ihr werdet sein wie Gott“. Mit diesem „sein wie Gott“ wäre zwar eine Wahlverwandtschaft angesprochen, doch diese steht unter dem Vorbehalt, sich im Menschen nicht absolut zu setzen. Andernfalls „trifft daran ein Schicksal“ den Menschen. Dennoch geht der Künstler der Romantik versuchsweise diesen Schritt. Er braucht eine gewisse Grenzüberschreitung, um sich in seine eigene Ich-Entwicklung hineinzustoßen. Dieses Maßes unkundig zu sein, so erhebt Hölderlin warnend die Stimme, würde „uns Gipfel und Boden“ entzünden. Der Gott aber begrüßt selbst den missglückten Versuch, denn als der „Gebende“ gewährt er „vom Segen des Herds.“ Dafür dem Gott zu danken, ist zwar eine abzulehnende Konvention, als Ausweg bleibt aber, die Sache zu verzögern, man dankt also „nie gleich hernach“.  

Von der Flamm zu den Feuergeistern    

Des Göttlichen aber empfingen wir
Doch viel. Es ward die Flamm uns
In die Hände gegeben, und Ufer und Meersflut.
Viel mehr, denn menschlicher Weise
Sind jene mit uns, die fremden Kräfte, vertrauet.
Und es lehret Gestirn dich, das
Vor Augen dir ist, doch nimmer kannst du ihm gleichen.
Vom Allebendigen aber, von dem
Viel Freuden sind und Gesänge,
Ist einer ein Sohn, ein Ruhigmächtiger ist er,
Und nun erkennen wir ihn,
Nun, da wir kennen den Vater
Und Feiertage zu halten
Der hohe, der Geist
Der Welt sich zu Menschen geneigt hat.

Mit „Des Göttlichen aber empfingen wir doch viel“ wird das Erbe der Götter Griechenlands ganz allgemein auf die Waagschale gelegt, bleibt also unbestimmt. Mancher Adept jener Zeit bewahrt heute sein eigenes Griechenland in der heiligen Brust. Unter diesem Aspekt verfasste Hegel das „Eleusis“-Gedicht. Darin bescheinigt er seinem Freund Hölderlin und sich selbst eine Beziehung zu den eleusinischen Mysterien der Demeter. Das Demeterhafte charakterisiert Rudolf Steiner als „Urgewalt, die wir heute nur mit dem abstrakten Namen der menschlichen Keuschheit bezeichnen“ können.[18]Etwas von dieser eleusinischen Urgewalt der Keuschheit, die sich „zauberhaft hindurchzieht urewig durch allesmenschliches Fühlen“[19] findet sich in „Friedensfeier“, sobald das Verhältnis zu ebendiesem Göttlichen zur Sprache gebracht wird: „Viel mehr, denn menschliche Weise / Sind jene mit uns, die fremden Kräfte, / vertrauet.“ Wer über die Stufe des Adepten hinaus es zur Einweihung gebracht hatte, nahm das Ursprüngliche in sich auf, um es umzuwandeln. Götterkräfte wurden nach und nach zur Menschensache.

Im „Erkennen“ des Christus und „Kennen“ des Vaters spiegelt sich das geschichtliche Werden des Menschen hin zur intellektuellen Verstandes-Erkenntnis. Dazu ist die „Flamm“, die Fackel der Erkenntnis, „uns in die Hände gegeben.“ Zunächst aber gilt es, „Feiertage zu halten“, um den zu empfangen, „der hohe, der Geist/ der Welt“, der „sich zu Menschen geneigt hat.“ Daraus resultieren „viel Freuden und Gesänge“ an die Adresse des „Allebendigen.“ Doch die Lektion der Demeter ist es, die Furcht vor dem Verlust der Keuschheit zu überwinden, drum hält sie das Kind ins Feuer, um seine Seele zu läutern von der Sterblichkeit. Der 23jährige Goethe versucht es mit der frechen Prometheus-Hymne. Doch mit einer solchen Posse von Goethe lässt sich der Sohn und sein Bild als „Ruhigmächtiger“ nicht aus der Reserve locken. Statt einer geistreichen Provokation geht Hölderlin den Weg der Verwandlung von der „Flamm“ zum „Gestirn“, das „vor Augen dir ist“.  Etwa 100 Jahre später, im Jahr 1907, greift Rudolf Steiner den Christusimpuls auf und charakterisiert den Christus als „die höchste Individualität“ und als den „Führer der Feuergeister der Sonnenzeit.“ Damit hält er die Menschenseele ins Feuer der Demeter.

Dem rosenkreuzerisch-christlichen Anstoß durch Novalis folgten weitere handlungswirksame Ereignisse: Hölderlin sieht in Lyon am 10. Januar 1802 Napoleon, der zwei Jahre zuvor zum Diktator wurde. Im Juni 1802 stirbt die Hölderlin eng verbundene Susette Gontard. Durch ihren Tod erfuhr das Gedicht aus der Mondensphäre eine persönliche Begleitung, die sich in drei eigenständigen Strophen am Ende der Hymne niederschlug.

Die winterliche Reise Hölderlins über die „gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildnis“ führte ihn ins weitentfernte Bordeaux. In den 12 heiligen Nächten, in denen der Mensch sich dem Kosmos geistig öffnen kann, war der Dichter alleine auf unsicheren, fremden Pfaden unterwegs. Hinzu kam das jährlich wiederkehrende „kosmische Drama“ [20] der Sonne, wenn sie im Winter in der Tiefe zu versinken droht, um erneut zum höchsten Punkt der Ekliptik aufzusteigen. Unter dem Eindruck dieser spirituellen Naturereignisse erreichte bei allergrößter Kälte Hölderlin die Stadt Lyon, wo er am 10. Januar Bonaparte zu sehen bekam, der sich speziell an diesem Tag ebenfalls in Lyon aufhielt. Bonaparte hatte zwei Jahre zuvor, 1899, begonnen, sich in die Rolle eines Alleinherrschers der Zeit einzuwohnen.

Dritte Triade

Weit aus reichte Bonaparte

Denn längst war der zum Herrn der Zeit zu groß
Und weit aus reichte sein Feld, wann hats ihn aber erschöpfet?
Einmal mag aber ein Gott auch Tagewerk erwählen,
Gleich Sterblichen und teilen alles Schicksal.
Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesetz,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel.

Als Erster Konsul Frankreichs aber war Bonaparte „längst zu groß.“ So drohte ihm, „einmal“ den Sterblichen gleich deren Schicksal zu teilen, um deren „Tagewerk (zu) erwählen.“ Bis dahin behielt der Satz „weit aus reichte sein Feld“ seine Geltung. Napoleon war, wie es Hölderlin in einem Brief an seine Mutter anfügte, 1799 zu „einer Art von Diktator geworden.“[21]  Seine Einstellung wider Napoleon tritt nicht in offenen Worten zutage, sondern sucht das intellektuelle Versteck, wo die Menschenseele auf ihre Verwandlung bescheiden wartet. Einen Zusammenhang ergibt sich folglich nur demjenigen, der nicht stehen bleibt bei dem, was ihm die Zeile des Dichters liefert.

Im Brief vom 9. Januar 1802 gesteht Hölderlin der Mutter: „… ich denke aber, Gott und ein ehrlich Herz hilft durch, und die Bescheidenheit vor anderen Menschen.“ Einen Tag später sieht er Bonaparte in Lyon bei einem glanzvollen, machtbewussten Auftritt in der Öffentlichkeit. Knapp drei Wochen später wird Hölderlin seiner Mutter mitteilen: „Ich bin nun durch und durch gehärtet und geweiht, wie Ihr es wollt.“ [22] Der Anblick Bonapartes macht Hölderlin fassungslos. Sein bescheidenes Herz wandelt sich in kürzester Zeit zu einem geweihten und gehärteten. Wie ein Resultat dieser Verwandlung wirkt nun, wenn Hölderlin sich selbst in der dritten Person beschreibt: „So dünkt mir jetzt das Beste, / Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister, / Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt.“ Als Vollendung erscheint „der stille Gott der Zeit, das einsame, bescheidene Herz des Dichters, das auch dem Leser idealerweise eignet. Dichter und Leser nehmen im Denken einander an der Hand. Diese Ergriffenheit wird ausgelöst durch Bonaparte als unsichtbare Ursache.

Wenngleich Napoleons Wesen mit einem Leib, das einer Geist-Seele entbehrt, sich einmal „erschöpfet“ haben wird, nimmt sich Hölderlin seiner an. Menschenseelen, die durch das Feuer der Demeter geläutert sind, finden zu „der Liebe Gesetz“ und „teilen alles Schicksal“ mit einem wie Napoleon, auch wenn dieser ohne ein eigenes Gewissen ist. In derselben Haltung sehen wir Rudolf Steiner, der zu solchen von Naturgeistern eingenommenen Wesen, die zu rücksichtlosen Leuten werden, bemerkt, dass sie dennoch die Menschenwürde besitzen. Denn die Menschenwürde, in der „Alle sich erfahren“, bleibt erhalten. Das stellt im Sinne von Hölderlin ein „Schicksalsgesetz“ dar, dessen man sich gewahr werden kann dadurch, „daß wenn die Stille einkehrt, auch eine Sprache sei.“ Das selbstbewusste Stillhalten Hölderlins Napoleon gegenüber entsteht auch, weil jene, die wie der künftige Kaiser das Gewissenlose auf der Erde verkörpern, mitunter tief fühlende Naturen sind. Außerdem sind Menschenseelen wie Hölderlin zur Stelle, mit ihnen zu „streiten, was wohl das Beste sei.“ Rudolf Steiner empfiehlt, dass man solch speziellen Wesen „alles so einrichtet, dass diese Menschen den Anschluss finden an andere Menschen, in deren Gefolge sie sich entwickeln können, dass sie also gewissermaßen Mitgehende dieser anderen werden.“[23]

Mit dem anschauenden Geist  

Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.
Und das Zeitbild, das der große Geist entfaltet,
Ein Zeichen liegts vor uns, daß zwischen ihm und andern
Ein Bündnis zwischen ihm und andern Mächten ist.
Nicht er allein, die Unerzeugten, Ewgen
Sind kennbar alle daran, gleichwie auch an den Pflanzen
Die Mutter Erde sich und Licht und Luft sich kennet.
Zuletzt ist aber doch, ihr heiligen Mächte, für euch
Das Liebeszeichen, das Zeugnis
Daß ihr noch seiet, der Festtag,

Das „Viel hat von Morgen an |…| erfahren der Mensch.“ besagt einerseits, dass sich uns die Wirklichkeit in der Erfahrung zeigt. Andererseits wird angedeutet, dass ein Teil der Wirklichkeit in unserer Erfahrung noch fehlt. Dieser fehlende Teil ist nach Rudolf Steiner die Erfahrung, wenn ein zu betrachtender Gegenstand in das Gesichtsfeld unseres Geistes einrückt.[24] Die über die Wahrnehmung hinausgehende Tätigkeit des Geistes ist unser Denken, das, befreit von jeder subjektiven Befangenheit, uns Auskunft über das Wesen einer Sache geben kann. Um die dem „Gesang“ zugrunde liegende Idee in „bald aber sind wir Gesang“ denkend anschauen zu können, bleibt nur, herauszufinden, welcher Ganzheit im Organischen der „Gesang“ angehört. Was etwa ist das Wesen des Gesangs in seiner inneren Vollkommenheit, wenn er unser aller Stimmen enthält? Und fände auch ein Napoleon in dieser Ganzheit Platz?

Der mit Napoleon in Europa einziehende Nationalismus bildete „das Zeitbild, das der große Geist entfaltet.“ Napoleon, dessen „Zeichen“ der Nationalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen war, versprach durch sein Handeln demjenigen eine Selbsterlösung, der bereit war, wie er ein Bündnis mit den ahrimanischen Wesen einzugehen. Diese bewirkten ein einseitig profitbezogenes Wirtschaftsleben, wodurch sich mit Blick auf Napoleon, „zwischen ihm und andern/ Ein Bündnis zwischen ihm und andern Mächten ist.“ Hölderlin stieß diese Mächte von sich zurück, stattdessen hatte er vor seiner Lebenszeit als „Frau in Italien“[25] in der geistigen Welt den Lebensgeist des Christus entdeckt. Künftig würde es Menschenseelen geben müssen, die sich mit Worten hindeuten lassen auf diesen Lebensgeist, der seit Golgatha die Erde umweht. Dann würden einbezogen die im Dienst der höheren geistigen Hierarchien stehenden Elementarwesen in Licht und Luft, „kennbar alle daran, gleichwie auch an den Pflanzen/ Die Mutter Erde sich und Licht und Luft sich kennet.“ Hölderlin entdeckt sie als das „Liebeszeichen“, als den Festtag und als Zeugnis, „dass ihrs, ihr heiligen Mächte, noch seiet.“ Hölderlin hielt fest, was die heiligen Mächte empfanden. Sein schauendes Wort stieg auf, wurde zu ihrem Empfinden.

Das Gedicht als Ort des Lebens

Der Allversammelnde, wo Himmlische nicht
Im Wunder offenbar noch ungesehn im Wetter,
Wo aber bei Gesang gastfreundlich untereinander
In Chören gegenwärtig, eine heilige Zahl
Die Seligen in jeglicher Weise
Beisammen sind, und ihr Geliebtestes auch,
An dem sie hängen, nicht fehlt; denn darum rief ich
Zum Gastmahl, das bereitet ist,
Dich, Unvergeßlicher, dich, zum Abend der Zeit,
O Jüngling, dich zum Fürsten des Festes; und eher legt
Sich schlafen unser Geschlecht nicht,
Bis ihr Verheißenen all,
All ihr Unsterblichen, uns
Von eurem Himmel zu sagen,
Da seid in unserem Hause.

Hölderlin lädt die Himmel ein, zu ihm zu kommen. Im Gedicht schafft er einen Raum für den Christus, vermöge der dichterischen Tat, diesen Raum zunächst im Bewusstsein mit den Mitteln der Sprache zu schaffen. Dies folgt dem Bedürfnis herauszufinden, mit wem man es beim Christus eigentlich zu tun hat. Nicht „im Wunder“ offenbaren sich „Himmlische“ und nicht „ungesehn im Wetter“, sondern im „Gesang“, der aus der einheitlichen Seele des Dichters entstanden ist, und der sich seiner selbst bewusst ist. Ein Ort, wo „eine heilige Zahl“ wie die 12 Jünger als Christus-Bekenner und der Christus selbst „bei Gesang gastfreundlich untereinander in Chören gegenwärtig“ sich versammeln, bis sie „beisammen sind.“ Der Leser soll nicht mehr von den Worten auf die Sache schließen, nicht mehr mit luftigen Abstraktheiten in den Schlaf gehen können, sondern all die „Verheißenen“ hindeuten lassen auf das, was nicht mehr im Worte des Dichters liegt, sondern über dieses hinaus in das neue Gebiet verweist. „Von eurem Himmel zu sagen,/ Da seid in unserem Hause.“

Nur so kann der „Unvergessliche“ gerufen werden, sobald im Gedicht das „Gastmahl“ für den Geliebtesten „bereitet ist.“ In die Zukunft hinein vergleicht Rudolf Steiner diese Vorgehensweise mit einer objektiven Notwendigkeit, wie es sie auf dem Gebiet des Lebens auch gegenüber den Naturerscheinungen gibt.[26]  Nicht mehr die Absicht zählt, sondern das untertauchen in das Leben selbst.

Hölderlin fügt dem Hauptteil drei weitere Strophen an:

Vierte Triade

Als Susette Gontard am 2. Juni 1802 in Frankfurt stirbt, nimmt Hölderlin in Gedanken den Weg neu auf zu dieser ihm eng verbundenen Seele. Die Ehefrau und Mutter dreier Kinder blieb ihm bis dahin die große Versöhnerin, die ein paar Jahre zuvor noch im Durchwärmen seines Gemüts ein Ideal für das Bild des Christus abgab. Diese Erfahrung wird mit einer kleinen Szene im Stil des Malers Raffael in das Gedicht eingefügt: „Vor der Türe des Hauses/ Sitzt Mutter und Kind/ Und schauet den Frieden …“. In diesem Frieden lebt Susette in ihm weiter. Hölderlin will die Versöhnungskraft des einen und des anderen zu einem Ganzen zusammenzufassen. Erinnerung und Gegenwart aber sind getrennt. Es ist eben nicht ein raffaelisch Idealchristliches, das im 19. Jahrhundert ins äußere Leben auszufließen hat, sondern etwas, was von uns selbst getan werden und aus dem Persönlichen ins Objektive gelangen muss.

Leichtatmende Lüfte
Verkünden euch schon,
Euch kündet das rauchende Tal
Und der Boden, der vom Wetter noch dröhnet,
Doch Hoffnung rötet die Wangen,
Und vor der Türe des Hauses
Sitzt Mutter und Kind,
Und schauet den Frieden
Und wenige scheinen zu sterben,
Es hält ein Ahnen die Seele,
Vom goldnen Lichte gesendet,
Hält ein Versprechen die Ältesten auf.


Wohl sind die Würze des Lebens,
Von oben bereitet und auch
Hinausgeführet, die Mühen.
Denn Alles gefällt jetzt,
Einfältiges aber
Am meisten, denn die langgesuchte,
Die goldne Frucht,
Uraltem Stamm
In schütternden Stürmen entfallen,
Dann aber, als liebstes Gut, vom heiligen Schicksal selbst,
Mit zärtlichen Waffen umschützt,
Die Gestalt der Himmlischen ist es.

Wie die Löwin, hast du geklagt,
O Mutter, da du sie,
Natur, die Kinder verloren.
Denn es stahl sie, Allzuliebende, dir
Dein Feind, da du ihn fast
Wie die eigenen Söhne genommen,
Und Satyren die Götter gesellt hast.
So hast du manches gebaut,
Und manches begraben,
Denn es haßt dich, was
Du, vor der Zeit
Allkräftige, zum Lichte gezogen.
Nun kennest, nun lässest du dies;
Denn gerne fühllos ruht,
Bis daß es reift, furchtsamgeschäftiges drunten.

„Leichtatmende Lüfte“ rufen das Geschehen ins Bewusstsein zurück. Das „Versprechen“, Susette im Himmel wiederzusehen, hatte gleich zu Anfang ihrer Beziehung die Richtung gegeben. „Vom goldenen Lichte gesendet“ kehrt dieses Versprechen nun zurück in ein „Ahnen der Seele“. In der Erinnerung erscheint Susette im Bild von Mutter und Kind „mit den zärtlichen Waffen umschützt“ undvereint zu einer „Gestalt der Himmlischen“. Der Tod der Versöhnerin nimmt Hölderlin dann aber doch als Schicksal, den Umschwung, der sich ihm mit dem Christus-Impuls offenbart, zu vollziehen: „Wohl sind die Würze des Lebens,/ Von oben bereitet und auch/ Hinausgeführet, die Mühen.“

 Frankfurt am Main ist die Stadt im „rauchenden Tal“, ist „der Boden, der vom Wetter noch dröhnet.“ Hölderlin stößt das fluchtartige Verlassen Frankfurts im September 1798 noch einmal von sich, den erlittenen Schmerz hinter sich lassend, mit einem milden Ausblick „doch Hoffnung rötet die Wangen.“

Mit „Friedensfeier“ entdeckte Hölderlin unter der Regentschaft Gabriels (1510 – 1879 n. Chr.), dass nicht mehr passiv „von irgendwelchen, den Menschen ganz ferne stehenden göttlichen Mächten ohne menschliches Zutun“[27] ausgegangen werden kann. Es braucht die Umwandlung der menschlichen Sprachbedeutung, wie sie mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners unter der Regentschaft Michaels mit Beginn des 20. Jahrhunderts zur allgemeinen Anwendung gebracht wurde. Dazu muss die Sprache den Weg einer Entwicklung nehmen, in der die Menschen über die Worte und über die Sätze hinausgehend an die Sache herankommen. Die „Himmlischen“ können uns lediglich beim Dichten die Finger führen. Dichtung wird dadurch zum Pfingstereignis, in dem sich mild und fesselnd zugleich der Christus in den Seelen „selbst vollziehen“[28] kann.

Ende

Volker Rothfuß: Freies Studium Semantik/Dramaturgie/Theater bei Ernest Martin (*1932 in New York City) in Düsseldorf. 1998 Waldorf-Lehrerseminar Stuttgart. VWA-Fachwirt Öffentlichkeitsarbeit. Eigenes Pressebüro in Stuttgart 1985 bis 2010. Ehrenamtliche Betreuung Hilfsbedürftiger (Demenz) im Ernst-Zimmer-Haus, Öschelbronn. Freie Kulturarbeit und freier Journalist in der Tages- und Fachpresse.


[1] Friedrich Hölderlin, Der Tod des Empedokles – Ein Trauerspiel in fünf Akten

[2] Rudolf Steiner: Der Christus-Impuls und die Entwickelung des Ich-Bewusstseins. (GA 116), S. 167 ff

[3] Rudolf Steiner: Wege und Ziele des geistigen Menschen. (GA 125), S. 167 ff

[4] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen Bd. 5. (GA 239), S. 136

[5] Rudolf Steiner: Erfahrungen des Übersinnlichen/Die drei Wege der Seele zu Christus. (GA 143), Vortrag vom 29. Dezember 1912 in Köln, Dornach 1994, S. 233

[6] Rudolf Steiner: Das Christentum als mystische Tatsache. (GA 008), Dornach 1989, S. 7

[7] Rudolf Steiner: Menschenwesen, Menschenschicksal und Weltenentwickelung (GA 226), Dornach 1988, S. 26

[8] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung. (GA 199), Dornach 1985, S. 254

[9] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung. (GA 199), Dornach 1985, S. 222

[10] Rudolf Steiner: Das esoterische Christentum und die geistige Führung. (GA 130), Dornach 1995, S. 281

[11] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung. (GA 199), Dornach 1985, S. 258

[12] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Zweiter Band, (GA 236), Dornach 1988, S. 78

[13] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung (GA 199), Dornach 1985, S. 253

[14] Rudolf Steiner: Das Markus-Evangelium. (GA 139), Vortrag vom 16. September 1912 in Basel, S. 42

[15] Rudolf Steiner: Die vierte Dimension, Fragenbeantwortung vom 2. Sept. 1906, (GA 324a), S. 120

[16] Rudolf Steiner: Kunst- und Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft. (GA 162), Dornach 2000, S. 267

[17] Novalis: „Alle geistige Berührung gleicht der Berührung eines Zauberstabs.“

[18] Rudolf Steiner: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen (GA 129), Dornach 1977, S. 19f

[19] Ebenda, S. 21

[20] Frits Hendrik Julius, Die Bildersprache des Tierkreises, Stuttgart 1956, S. 20f 

[21] Friedrich Hölderlin: Brief an die Mutter vom 16. November 1799.

[22] Brief am 28. Januar 1802 aus Bordeaux an die Mutter

[23] Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse überchristlich-religiöses Wirken (GA 346), Dornach 2001, S. 186f

[24] Rudolf Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung. (GA 2), Dornach 1924, S. 55ff

[25] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. (GA 236), Dornach 1988, S. 78

[26] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung (GA 199), Dornach 1985, S. 254

[27] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung (GA 199), Dornach 1985, S. 253

[28] Rudolf Steiner: Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt. (GA 118), Dornach 1984, S. 167f

Der Dichter im Werde-Strom

Im Friedrich-Hölderlin-Jahr 2020 richten wir den Blick auf die Spätdichtung Hölderlins, in der er in Hymnen und Bruchstücken Flüsse und Ströme besingt, namentlich die Donau (Ister), den Main, den Neckar und den Rhein (keltisch: Rênos).

Landauf und landab werden die Flüsse in enge Bahnen gezwängt. Im Angesicht von totgemauerten Kanälen und vor Beton strotzenden Staumauern fühlen wir uns – wie die Ströme – daran gehindert, unseren eigenen Weg zu gehen. Doch Hölderlins Rheinhymne zeigt, wie es gelingen kann, ein Hindernis zu durchbrechen, damit wir als Menschen neu im Werde-Strom gründen können und zur Reinheit der Seele gelangen.

Der Strom des Lebendigen im Künstlerischen beginnt mit Hölderlin am Ursprung im Gebirge, im Abgrund, aus dem das reine Wasser „herabsteigt“, und sich ergießt in die Wechselläufe seines Schicksals. Diesem Chaos des Anfangs folgt die Beschreibung dessen, was den Lauf des Stroms bestimmt, was das Strömen bewirkt und wie es die Welt verändert. Im Licht von Rudolf Steiner betrachtet, ergreifen diese Prozesse heute das Bewusstsein des wachen Menschen. Was als fließende Formen einem natürlichen Flusslauf innewohnt, können wir „mit Armen und Beinen denkend“ (Rudolf Steiner) in der Eurythmie erleben, aber auch im gemeinsamen, rhythmischen Sprechen eines Gedichts oder beim Musizieren in der Gruppe erfahren. Diese Welt des künstlerischen Erlebens kann helfen, dem Leben eine soziale Ordnung zu geben. Die hier beschriebene liegt dem Was als Ursprung im Gebirge lyrisch beschreibt, ordnet Rudolf Steiner dem weitaus älteren Gebiet von Intellekt und Verstand zu. Diesem chaotischen Gebiet entgegengesetzt liegt das jüngere Gebiet des Strömens, das mit sozialen Ideen, der Erziehung und Bildung dem Leben seine Ordnung gibt.

Patmos

Arbeit an Hölderlins Patmos-Karma
Kunst und Kultur Volker Rothfuß
mail@volkerrothfuss.de

Das Gedicht Patmos ist verbunden mit einem festlichen Anlass imn Homburger Schloss. Friedrich V feierte einen großen Geburtstag. Mit dem Blick auf diesen Anlass gab Sinclair die Anregung zu dem Gedicht „Patmos“. Hölderlin schrieb das Gedicht mit großer künstlerischer Meisterschaft. Er nahm den Impuls auf und setzte ihn um in eine poetische Arbeit. Patmos wird zu einem Zeugnis für die karmische Beziehung zwischen den beteiligten Menschen, Johannes, dem Gptt und den Göttern. Ein weiteres Element solch einer Arbeit, sollte es deshalb sein, das Gedicht Patmos anzuschauen und es zu rezitieren.

Lottes Gesang

Eine Erzählung
Dasiao Kulturbüro
mail@volkerrothfuss.de

Die Erzählung „Lottes Gesang“ betrifft den Zeitraum zwischen 1807 bis 1843 – die Jahre im Turm. Es ist strittig, ob Hölderlins Mutter jemals ihren Sohn im Tübinger Turm besucht hat. Nürtingen liegt freilich nur wenige Kilometer von Tübingen entfernt. Eine persönliche Begegnung wird vom Autoren deshalb angenommen. Eine andere, lange Passage in der Erzählung „Lottes Gesang“ widmet sich dem Tod und Begräbnis des Dichters. Ein Kapitel behandelt die Beziehung von Lotte Zimmer und dem jungen Schwab. Ziel ist es, die Beziehungen zwischen den Betroffenen zu erforschen, um die karmischen Verhältnisse zwischen den Personen zu offenbaren. Hier eine Leseprobe:

„Es erfüllte sich Hölderlin, was er für sich gewählt, und es wandelte sich das Leben im Turm. Seine Seele strebte fort, in lichte Höhe, während Lottes flache Hand seine Lider berührte, bis sie die Augen bedeckten. Sie schrieb Monate später in ihr Tagebuch: „Es war am Nachmittag des Siebten im Juni 1843, ein Mittwoch, in meinem, meiner Geschwister und meiner Eltern Haus und Turm. Der Tag leuchtete im Raum auf seine Gegenstände. Ich blickte auf seine letzte Lektüre vom selben Morgen: den Hyperion.“

Aus Anlass des 250. Geburtstages von Friedrich Hölderlin im Jahr 2020 …

In diesem Haus pflegt Lotte Zimmer den Dichter Hölderlin bis er 1843 im Juni 73jährig stirbt.

Theaterarbeit

Beratung und Kooperation
Dasiao Kulturbüro
mail@dasiao.de

Das Theaterstück „Lotte“ ist zur Bespielung einer kleinen oder größeren Bühne konzipiert. Im Zentrum einer Abfolge von Akten und Szenen steht Lotte (Charlotte) Zimmer, die als ca. 7 – 10-jähriges Mädchen, als 16-Jährige und als 28-jährige Hölderlin begegnet. Das Stück hat je nach gewünschter Länge (30, 45 oder 60 Minuten) drei, vier oder fünf Schauspieler/innen. Eine Umsetzung mit großem Ensemble, speziell als Klassenspiel, ist möglich. Bei solcher einer großen Besetzung spielt jeder Mitwirkende nicht mehrere, sondern nur eine Rolle. Bei kleiner Besetzung übernimmt jede/r jeweils mehrere Rollen. Das Stück ist als szenische Collage konzipiert. Eine gemeinsame Arbeit könnte so aussehen:

  • Kennenlernen von Lehrer und Klasse mit dem Theaterpädagogen
  • Bericht über das Leben von Lotte Zimmer in ihrer Familie, mit Hölderlin und anderen Personen in den verschiedenen Lebensphasen, erstes Herausarbeiten von Rollen und Szenen.
  • Festlegung der Personen, Szenen, Themen, Handlungsstränge und des Formates
  • Information und Gespräch mit den Eltern
  • Wöchentliche Improvisationen in einer Arbeitsgruppe mit dem Lehrer, wahlweise in einer kompletten Arbeitswoche.
  • Beratung, Überarbeitung und Fixierung der Ergebnisse
  • Zusammenfügung der Teile zu einem Ganzen.
  • Aufführung

Erläuterung: Die Schüler erarbeiten das Stück gemeinsam mit dem Lehrer, bzw. mit dem Theaterpädgagogen. Es gibt am Anfang keine vorgefertigten Texte. Nur die beiden Hauptrollen stehen fest: Lotte Zimmer und Friedrich Hölderlin. Die Rollen und die Texte entstehen während der Improvisationen und Proben. Was erarbeitet wurde, wird festgehalten und geprobt. Das Ergebnis ist ein intensives Erlebnis, bei dem ein Stück aus den Beteiligten heraus entsteht bis hin zur Aufführung auf der Bühne. Diese Arbeitsweise des Living Theater hat Volker Rothfuß zusammen mit dem Regisseur Ernest Martin erfolgreich in Düsseldorf durchgeführt. Als Stoffgrundlage kann u.a. die Erzählung „Lottes Gesang“ herangezogen werden.

Lotte Zimmer und Hölderlin

Dasiao Kuklturbüro
mail@dasiao.de

Die Schicksale von Lotte Zimmer und Friedrich Hölderlin berühren sich in einem gemeinsamen Lebensweg. Für Hölderlin ist es die zweite Lebenshälfte, für Lotte ist es ihre erste Lebenshäfte. Hölderlin hat in diesen 28 Jahren des Zusammenlebens sich auf die nachfolgende Lebenszeit vorbereitet und Kräfte geschöpft für die auf ihn wartenden Aufgaben . Mithilfe den von Rudolf Steiner aufgezeigten Gesetzen zu Reinkarnation und Karma ist es möglich, auf das vorausgehende Leben von Lotte und auf die damalige Beziehung, bzw. Begegnung der beiden zu schauen.

Von der Beziehung zu Lotte Zimmer ist nur wenig Persönliches auf uns gekommen. Man wird deshalb auf das geistige Gebiet wechseln und die lyrische Imagination nutzen, um sich ein Bild von den beiden in ihrer Verbindung machen zu können. Die Karmaforschung Rudolf Steiners gibt uns dazu einige Anhaltspunkte. Im Folgenden werden Ihnen dazu folgende Formate vorgestellt: