Der Dichter im Werde-Strom

Im Friedrich-Hölderlin-Jahr 2020 richten wir den Blick auf die Spätdichtung Hölderlins, in der er in Hymnen und Bruchstücken Flüsse und Ströme besingt, namentlich die Donau (Ister), den Main, den Neckar und den Rhein (keltisch: Rênos).

Landauf und landab werden die Flüsse in enge Bahnen gezwängt. Im Angesicht von totgemauerten Kanälen und vor Beton strotzenden Staumauern fühlen wir uns – wie die Ströme – daran gehindert, unseren eigenen Weg zu gehen. Doch Hölderlins Rheinhymne zeigt, wie es gelingen kann, ein Hindernis zu durchbrechen, damit wir als Menschen neu im Werde-Strom gründen können und zur Reinheit der Seele gelangen.

Der Strom des Lebendigen im Künstlerischen beginnt mit Hölderlin am Ursprung im Gebirge, im Abgrund, aus dem das reine Wasser „herabsteigt“, und sich ergießt in die Wechselläufe seines Schicksals. Diesem Chaos des Anfangs folgt die Beschreibung dessen, was den Lauf des Stroms bestimmt, was das Strömen bewirkt und wie es die Welt verändert. Im Licht von Rudolf Steiner betrachtet, ergreifen diese Prozesse heute das Bewusstsein des wachen Menschen. Was als fließende Formen einem natürlichen Flusslauf innewohnt, können wir „mit Armen und Beinen denkend“ (Rudolf Steiner) in der Eurythmie erleben, aber auch im gemeinsamen, rhythmischen Sprechen eines Gedichts oder beim Musizieren in der Gruppe erfahren. Diese Welt des künstlerischen Erlebens kann helfen, dem Leben eine soziale Ordnung zu geben. Die hier beschriebene liegt dem Was als Ursprung im Gebirge lyrisch beschreibt, ordnet Rudolf Steiner dem weitaus älteren Gebiet von Intellekt und Verstand zu. Diesem chaotischen Gebiet entgegengesetzt liegt das jüngere Gebiet des Strömens, das mit sozialen Ideen, der Erziehung und Bildung dem Leben seine Ordnung gibt.