Jakob Friedrich Gontard (1764–1843)

Schauplatz ist Frankfurt: Hölderlin und Gontard sind ab dem Jahr 1797 in extremer Weise unglücklich miteinander verbunden. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand Susette, die Ehefrau Gontards. Welche karmischen Zusammenhänge sind dabei zu berücksichtigen? Die unhaltbaren Umstände zwangen den siebenundzwanzigjährigen Hölderlin Ende September 1798, das Haus der Gontards fluchtartig zu verlassen. Gontard war der Auslöser für Hölderlins weitere Entwicklung auf seelisch-geistigem und dichterischem Gebiet. Getreu der Devise „Jeder Gang ist ein Übergang“ setzte mir der Flucht aus Frankfurt eine neue Phase der Reife bei Hölderlin ein. Der vorliegende Text ist ein Auszug, der noch nicht die ausgewählten Karma-Kommentare von Rudolf Steiner enthält, mit welchen der Autor diese Lebenssituation beleuchtet. Mehr Informationen: mail@volkerrothfuss.de

Der Frankfurter Bankier Jakob Friedrich Gontard (1764–1843) bewohnt im Jahr 1795 mit seiner Familie das herrschaftliche Anwesen „Weißer Hirsch“ am Großen Hirschgraben– in unmittelbarer Nachbarschaft zur Familie Goethe. Auf Vermittlung von Hegel findet Hölderlin hier eine Stelle als Hauslehrer. Gontard beschäftigt ihn ab Dezember als Hauslehrer für seinen einzigen Sohn und künftigen Erben Henry Gontard (1787–1816). Seine Töchter werden von einer eigens dafür eingestellten Lehrerin, der jungen Demoiselle Marie Rätzer aus Bern, unterrichtet. Gontard, der Mitinhaber eines florierenden Bank- und Handelshauses, gerät mit Hölderlin im Lauf der Zeit in einen Konflikt. Ihn stört an Hölderlin das Selbstvertrauen, das Strahlende, für das er scheinbar keinen äußeren Status benötigte. Im Gegenteil: Er war arm und die Herzen flogen ihm zu, Sohn Henry liebte und bewunderte seinen Lehrer. Auch bei seiner Ehefrau Susette war einiges an Sympathie für Hölderlin vorhanden, der diese Gefühle herzlich erwiderte.

Sympathie mit Henry

Der neunjährige Henry Gontard war ein lernbegieriger und freundlicher Knabe. Zwischen Zögling und Lehrer entwickelte sich schnell eine gegenseitige Sympathie. In späteren Briefen redet Henry seinen Lehrer Hölderlin stets mit „Mein Holder“ an. Der Unterricht findet vormittags statt und umfasst die Fächer Geschichte, römische Geschichte, Deutsch und Geografie. Hölderlin erhält ein ansehnliches Jahresgehalt von 400 Gulden bei freier Kost und Logis. Zu Hölderlins weiteren Pflichten gehört die Anwesenheit bei den zahlreichen Gesellschaften, die der Bankier in seinem Haus veranstaltet. Hier hat er über die Erfolge seines Zöglings zu berichten.

Anfängliche Zufriedenheit

Hölderlin schien anfangs mit seiner Stellung im Hause Gontard zufrieden zu sein. Neuffer gegenüber fällt das Wort von „Sehr guten und wirklich, nach Verhältniß, seltnen Menschen.“ Im Februar 1796 redet Hölderlin gar von „Glück“, er lebe „sorgenlos, und so leben ja die seeligen Götter.“

Hölderlin Ansprüche gehen einher mit den geistigen Leben. Er vergleicht sich mit den Denkern seiner Zeit. Dazu zählen Herder, Fichte, Schiller und Goethe, ebenso Schelling und Hegel, die beide daran arbeiten, sich eine akademische Karriere aufzubauen.

Gontard konnte da nicht mithalten. Diese Welt des Geistes und der Philosophie war ihm fremd. Das behinderte den Austausch mit Hölderlin und entfremdete diesen seinerseits von dem Bankkaufmann. Im Juli 1797, mehr als ein Jahr, nachdem Hölderlin in das Haus Gontard eingezogen war, heißt es dann in einem Brief an Neuffer: „Ich schweige und schweige“ und er gesteht: „Ich bin zerrissen von Liebe und Hass.“ Das Verhältnis der beiden wandelte sich, Hölderlin wurde auffallend schweigsam und Gontard zeigte sich als ungewöhnlich reizbar und attackiert seinen Hofmeister mit schweren Beleidigungen.

Beleidigungen und Herabwürdigungen

Nach außen gibt Gontard den gesitteten Kaufmann mit guten Manieren. Dabei schmückt er sich gerne mit fremden Federn. So zieht er es in der Frankfurter Gesellschaft vor, seine eigene Person aufzuwerten, indem er sich die Schönheit seiner Frau von anderen versichern lässt. Außerdem prahlt er mit den Lernfortschritten seines Sohnes und kommentiert sie trotzdem zynisch mit Blick auf seinen Hofmeister. Dazu nötigt er die Gesellschaften, sich dies anzuhören. Es hat den Anschein, dem Kaufmann gefällt es, sich zu profilieren, indem er andere ausgrenzt, die nicht seinen von Gelddingen geprägten Wertmaßstäben genügen. Seine Frau steht hilflos zwischen den Konfliktparteien. Inzwischen wird in der Frankfurter Gesellschaft über das Liebesverhältnis zwischen Susette und Hölderlin getuschelt und es werden Gerüchte gestreut, denen Gontard, aber auch Hölderlin nichts entgegenzusetzen haben. Der Mutter schreibt Hölderlin kurze Zeit nach Ende der Anstellung bei den Gontards: „Aber der unhöfliche Stolz, die geflissentliche tägliche Herabwürdigung aller Wissenschaft und aller Bildung, die Äußerungen, dass die Hofmeister auch Bedienstete wären, dass sie nichts besonders für sich fordern können, weil man sie für das bezahlte, was sie täten, usw., kränkte mich, so sehr ich suchte, mich darüber weg zu setzen, doch immer mehr.“

Zufall oder nicht?

Wie erklärt sich Hölderlin diese Auseinandersetzung. Nimmt es Hölderlin als Zufall, dass er mit Gontard in solche Umstände geraten ist?  Die Frage lässt sich nicht sofort klären. Hölderlin verteidigt zunächst sich und seine Position gegenüber Gontard. Er fühlt sich gestärkt, da er mit Susette die Ehefrau auf seiner Seite hat und mit ihr sich darüber austauschen kann, was da eigentlich vor sich geht. Diese Allianz verstärkt jedoch bei Gontard das Gefühl, ganz allein zu sein. Gontard ist nicht an Susette als Mensch interessiert, sondern nur an seinem Nachkommen, Sohn Henry. Susette wusste das und ertrug Gontards falschen Hochmut und die übertriebene Aufmerksamkeit, die er seinem Sohn entgegenbrachte, solange Hölderlin in ihrer Nähe war.

Gontard hat miterlebt, wie sein Sohn Henry zu Hölderlin hält. Das reizt den isolierten Gontard und lässt ihn gegen den seiner Meinung nach hauptverantwortlichen Hölderlin noch massiver vorgehen. Allerdings scheute er sich, eine Trennung herbeizuführen. Es hat den Anschein, als sei Gontard der Situation hilflos ausgeliefert, obwohl er glaubt, die Initiative läge auf seiner Seite. Doch nicht nur Gontard, auch Hölderlin und Susette sind sich nicht im Klaren, wie die Sache sich entwickeln wird. Dabei wird erkennbar: Ein Geist wie Hölderlin nimmt überhaupt nichts als Zufall. Wie für einen guten Lyriker unentbehrlich, ist er in seiner Selbstbeobachtung überaus präzise. Er beschreibt, wie und was mit ihm geschieht. Er scheint auch zu wissen: die Attacken haben eine tiefere Ursache.

Die erlittene Kränkung erhöht seine Scham gegenüber dem eigenen Glück.

Ist Hölderlin womöglich arrogant?

Was macht Hölderlin so unangreifbar? Hatte er etwas, womit er über andere hinausragte? Seine innere Schönheit und Würde der Seele blieb den anderen nicht verborgen. In den Briefen von Susette charakterisiert und bestätigt sie seine Sonderstellung in der Gemeinschaft. Die Reaktionen der anderen reichen von Bewunderung bis Neid und Missgunst. Die Palette von Gefühlen in Hölderlins Umgebung ist mannigfaltig. Gontard missdeutete Hölderlins Verhalten als arrogant. Das regt Hölderlin an, über Gontard vernichtend zu urteilen: „…Je angefochtener wir sind vom Nichts, das, wie ein Abgrund, um uns her uns angähnt, oder auch vom tausendfachen Etwas der Gesellschaft und der Thätigkeit der Menschen, das gestaltlos, seel- und lieblos uns verfolgt, zerstreut, um so leidenschaftlicher und heftiger und gewaltsamer muss der Widerstand von unserer Seite werden. Oder muss er es nicht?“ (…), so schreibt Hölderlin im November 1797 an den Bruder. Diese Formulierung distanziert und abstrahiert den Gegenstand. Hölderlin hebt das Ganze damit auf eine höhere Stufe. Was folgt daraus?

Widerstand oder Relativierung?

Hölderlins Widerstand erlahmt, sobald er realisiert, dass seine materiellen Möglichkeiten nicht ausreichen, Gontard auch nur annähernd Paroli zu bieten, um selbst für Susette und eine Familie zu sorgen. Er erleidet seinen eigenen Worten nach „Schiffbruch“. Später erst vermag er sich wie ein Schiffbrüchiger auf einen Balken zu retten. Dieser sinnbildliche Balken besteht aus einer Relativierung, die er der Mutter gegenüber äußert. Um die erlittene Demütigung kleiner erscheinen zu lassen, als sie in Wahrheit war, werden die Schmähungen von Gontard später von Hölderlin beschrieben als eine Normalität des „Hofmeisterlebens, wie es mehr oder weniger überall ist.“  Hölderlin hätte es vielleicht hingenommen, im Hause Gontard, wie er es selbst formuliert, nur „das fünfte Rad am Wagen“ zu sein, wenn sein Gegner mehr Format besessen hätte. Doch sein Gegner war ein Bankier, kein Schiller und auch kein Goethe. Ein Urteil von diesen beiden hat der jüngere Hölderlin stets respektiert und erduldet. Er hätte sich womöglich angepasst, doch die Erfahrung mit Gontard ist eine andere: Sie treibt Hölderlin in die Selbstständigkeit.

Götter und Menschen

Hölderlins Selbständigkeit erscheint nicht nach üblichen Maßstäben in Äußerlichkeiten, sondern sein Maß setzen ihm die Götter. In dem Gedicht „Die Götter“, entstanden im Juni 1800, heißt es bei Hölderlin:

Ihr guten Götter! arm ist, wer euch nicht kennt,
Im rohen Busen ruhet der Zwist ihm nie,
Und Nacht ist ihm die Welt und keine
Freude gedeihet und kein Gesang ihm.

Er zeigt damit, wie nah ihm die Götter eigentlich sind. Diese Verbindung erneuert er in seiner Dichtung auf unterschiedliche Arten, wie es viele Beispiele belegen. Dabei beschreibt er das Terrain zwischen Göttern und Menschen zeitgemäß und präzise.

Nur einer wie Gontard, der nichts von den Göttern weiß, kann auf Freude und Glück verzichten, die auf der Erde nur göttergewollt existieren. Diese Überzeugung waltet in Hölderlin und lässt ihn gegenüber Gontard sich so verhalten, wie es ein Gott gegenüber einem undankbaren Menschen tun würde: Er entzieht sich dem anderen physisch und geht im September 1798. Aufgrund seiner physischen Abwesenheit bleibt den Zurückbleibenden der „nie ruhende Zwist“ und in letzter Konsequenz auch der Tod Susettes.

Die Schlafenden verunreinigen das Schicksal

Wer von den Göttern geliebt wird, hat die Aufgabe, die Schlafenden unter den Menschen zu wecken. Diese Schlafenden aber haben keinen Sinn für die Wahrheit. In dem Gedicht „Dichterberuf“, das nach 1800 entstand, gibt Hölderlin dem Dichter die Aufgabe, wach zu sein, der Engel des Tages zu werden, der Erwecker und Eroberer der Wirklichkeit. Das freilich kann dem Dichter nur gelingen, mit Schreibfeder und Tinte, wenn Bacchus, ein Beiname des Dionysos, mithilft:

…Und du, des Tages Engel! erweckst sie nicht,
Die jetzt noch schlafen? gib die Gesetze, gib
Uns Leben, siege, Meister, du nur
Hast der Eroberung Recht, wie Bacchus….

Was der wache Dichter nicht hinnehmen kann, ist, wenn sein Schicksal durch den falschen Stolz eines „Schlafenden“ verunreinigt wird. Halten die verbalen Schläge von Gontard an, muss Hölderlin fürchten, nicht mehr für die Kunst leben zu können[1].

In dem Brief an seinen Bruder heißt es bei Hölderlin: „…. wer vermag sein Herz in einer schönen Grenze zu halten, wenn die Welt auf ihn mit Fäusten einschlägt?“ So schlagen die Schlafenden auf die Literatur ein, erheben sich über die schönen Künste und lästern über Philosophie und Bildung. Den Schlafenden wirft sich der Engel des Tages entgegen. Es ist dies der Dichter, der sich der Macht des Dionysos versichert, indem ein Thema wählt, es künstlerisch bearbeitet und verdichtet. Es ist der Kampf des Künstlers gegen das Chaos.

Die Liebe hebt die Trennung auf

Hölderlin wendet sich nun ausschließlich Susette in Liebe zu. Er empfindet Dankbarkeit für diese Liebe, denn sie öffnet ihm sein Inneres. Sein gehüteter Quell darf nun lebendig werden. Wohl zum ersten Mal im Leben empfindet er, dass die Trennung, die zwischen der Götterwelt und den Menschen besteht, aufgehoben ist. Er weiß nun, dass die Trennung hier auf der Erde umgearbeitet werden kann, ein Geteiltsein, das in seinem Werk vielfach zum Thema gemacht wird, so etwa in diesem Gedicht: „Ihr wandelt droben im Licht / Auf weichem Boden, / seelige Genien ! / …. Doch uns ist gegeben, / auf keiner Stätte zu ruhn, / es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen ….“[2][3] Die Aufhebung der Trennung von den Göttern wird in einem kurzen Lebensabschnitt für ihn mit Susette erlebbar auf die Erde gebracht. Sie wird für ihn zu einem Schlüssel, um die Tür zu den seeligen Genien zu öffnen. In dem Gedicht „An den Baum“ (1797) wird diese Tür in einem gewaltigen Naturgeschehen aufgestoßen:

„… und die ewigen Bahnen
Lächelnd über uns hin zögen die Herrscher der Welt,
Spielten, des Augenblicks feurige Kinder, um uns,
Aber in unsrem Innern, ein Bild der Fürsten des Himmels,
Wandelte neidlos der Gott unserer Liebe dahin,
Und er mischte den Duft, die reine, heilige Seele,
Die, von des Frühlings silberner Stunde genährt,
Oft überströmte, hinaus ins glänzende Meer des Tages,…“

Seine Liebe zu Susette ist kostbar, denn sie nährt die Herrscher der Welt, also Sonne und Mond und Sterne, und auch die Blitze der Wolken, also Gottvater Zeus selbst. Die aber, die „lächelnd über uns hinzögen“, strömen „aus dem Augenblick heraus“ ins „glänzende Meer des Tages“.

Die Liebe und das Gefühl der Dankbarkeit vor den Störmanövern schützen zu können, ging über die Kräfte Hölderlin. Aus dieser Furcht heraus beendet Hölderlin einseitig die Verbindung zu Gontard im Herbst 1798 und verlässt das Haus.

Selbstgewolltes Leid

Hölderlin sieht sein Schicksal von Gontard in den Abgrund gestoßen, so wie er es durch Susette ins Himmlische erhoben fühlt. Das Glück der Liebe rechnet sich Hölderlin nicht selbst an und auch nicht Susette, seiner „Geliebtesten“. Er nimmt das Liebesglück als Geschenk, das die beiden von den Herrschern der Welt empfangen. Und was ist mit Gontard? Hölderlin rechnet diesen Konflikt mit Jakob Friedrich Gontard nicht den Göttern zu. Doch sieht er auch keine Schuld bei sich selbst. Man kann annehmen, er hätte unbewusst den Konflikt selbst gewollt. Dies wäre zwar den karmischen Gesetzen gemäß, aber sieht es auch Hölderlin so? Noch ist ihm das Geschehen ungreifbar, gerade weil es ihm seelische Pein bereitet. Es ist, als wollte sich Hölderlin mit diesem Konflikt selbst in die Selbständigkeit entlassen. Nicht allein, um sich und seine Liebe zu Susette aus einer souveränen Haltung heraus zu prüfen, sondern um sich ein wenig näher dem zu bringen, was als Vollendung ganz am Ende seiner Entwicklung auf ihn wartet: Sein Karma zu verstehen. Dieses Verständnis bedeutet, nicht mehr den Ereignissen im Leben magisch ausgesetzt zu sein. Das menschliche Motiv für Hölderlin, die Familie Gontard zu verlassen, bestand demnach darin, den magischen, weil unverstandenen Moment der verfahrenen Situation zu durchbrechen. Es wäre der Zustand, in dem der Mensch seine Einfalt hinter sich lässt und die Organisation der Natur im Hinblick auf das menschliche Schicksal versteht und in die Hand nimmt. Im „Fragment von Hyperion“ spricht Hölderlin über die Möglichkeit, sich selbst zu organisieren, als Ideal des Daseins, ausgehend von dem Zustand, mit der Organisation der Natur verbunden zu sein. Eine solche Aussage macht deutlich, wie nah Hölderlin dem Karmagedanken ist und wie er ihn möglicherweise erahnt.


[1] Hölderlin Texturen Band 3, Seite 33ff.

[2] Aus „Hyperions Schicksalslied“, ebenso in Hyperion oder der Eremit in Griechenland, Zweiter Band, Zweites Buch, Hyperion an Bellarmin

[3]