An die Madonna: Leere stille Orte

Die meisten Gedichte von Hölderlin sind abgeschlossene Werke, seien es die Gedichte oder die Hymnen. Es gibt jedoch einige Ausnahmen. Besonders sticht dabei das Drama „Der Tod des Empedokles“ hervor. Zwischen 1798 und 1799 entstehen davon drei Fassungen, jede bleibt ein Entwurf. Unter der Rubrik „Hymnische Entwürfe“ finden sich daneben einige begonnene und nicht abgeschlossene Texte wie „Was ist Gott?“ oder „Was ist der Menschen Leben?“ Anders die Hymne „An die Madonna“, sie endet nicht nach einem Dutzend Zeilen, sondern umfasst etwa 180 Zeilen. Warum also firmiert die Hymne unter der Rubrik „Entwürfe“? Nicht wegen ihres Anfangs und nicht wegen ihres Endes, beides, der Einstieg in die Hymne und der Ausstieg sind voll ausformuliert.

Im mittleren Teil bleibt jedoch die eine oder andere Zeile ausgespart und der Text schafft es an diesen Stellen nicht bis zur Strophe. Das Poem erfährt dadurch eine fortlaufende Fraktur, nimmt Fahrt auf und wird wieder unterbrochen, beispielsweise mit der Zeile „Denn damals sollt es beginnen / Als ….“ Es folgt nach dem „als“ eine Blindzeile, erst danach setzt sich das Ganze wieder in Gang  mit „Geboren dir im Schoße …“ Die Auslassungen erwecken den Eindruck der Vorläufigkeit, man meint, der Dichter denke noch nach, welche Aussage an dieser Stelle angebracht wäre. Zu gegebener Zeit, hofft man, hätte der Autor eine passende Eingebung und fülle damit das Fehlende. Es bestünde dann die Möglichkeit, das schon Geäußerte mit Neuem zu ergänzen.

Vielleicht aber handelt es sich gar nicht um die zu schließenden Lücken, vielleicht ist ja das Nicht-Sichtbare eigener Inhalt, der sich mitteilen will. Dann aber wäre, was leer erscheint, ein bewusst gemachter, ein in das Poem hineingebrachter leerer, stiller Ort. Was sagen uns solche wortlosen Orte in den Werken von Hölderlin? Welcher Geist schafft sie? Einer, der mit seinem Bewusstsein noch tiefer greifen und noch breiter sich entfalten möchte, als es der Alltag erlaubt? Es ist der Geist, der mehr Raum für Erinnertes aus früheren Leben schafft. Ein vergangenes Leben vielleicht zu der Zeit, in der Christus gelebt hat.  Dabei wird die eigene Zeitgenossenschaft zu vergangenen Ereignissen wie etwa der Geburt des Gottessohnes in Betracht gezogen. Aber wer von uns erinnert sich schon daran, da er doch gar nicht weiß, ob er zu jener Zeit auf der Erde war und eine menschliche Gestalt besaß? Auch Hölderlin wusste es nicht, aber er geht die Sache an mit einem Provisorium, also mit einem Entwurf. Er ist weit mehr als eine Skizze, mehr als eine unverbindliche Tat des Willens, mehr als ein Versuch, über die Gegenwart in die Vergangenheit einzudringen.

Und doch ist das Gedicht ein Provisorium. Provisorisch beschreibt Hölderlin, was geschah. Mit dem Gesagten schafft er den Freiraum für das Ungesagte. Das Nichtverfasste schiebt umgekehrt den Inhalt vom Dichter und vom Leser wieder weg. Mit den vielen wortlosen Plätzen im Gedicht wird Vieles in Frage gestellt. haben wir dies an fortlaufend. Beim Verweilen wird man sich seines Gemütes im Gedächtnis bewusst. Das Gemüt schafft herbei das Ahnen und die Gewissheit, dass da etwas war. Man greift nach seinem Karma.

Das Protestantische und das Fremde

Es hat auch etwas Vorläufiges, wenn ein protestantischer Zögling, in Deggendorf und Maulbronn in Obhut bei evangelischen Pfarrern sowie später als Student im evangelischen Tübinger Stift, sich der heiligen Mutter Gottes zuwendet. Muss er nicht damit rechnen, von diesem Platz gleich wieder vertrieben zu werden? Im protestantischen Unterricht dürfte die katholisch-lateinische Gottesmutter kaum an prominenter Stelle behandelt worden sein. „An die Madonna“ darf freilich nicht als Reaktion auf seine Ausbildung missverstanden werden. Auch nicht als beflissene Tat eines dichtenden Protestanten und Theologen, der, als es 1790 zum Abschluss des Studiums kam, eine Predigt in Tübingen hielt und fortan vor dem Pfarrberuf flüchtend, nach und nach in den dichterischen Ernst einbog.

Vor diesem Hintergrund bezeichnet sich Hölderlin der Madonna gegenüber selbst in großer Bescheidenheit als „Fremder“, wohl auch, weil er mit seinem Denken intim der griechischen Götterwelt noch immer verbunden ist. Dies einzugestehen, erhellt die „Schatten“ und lässt nicht länger das eigene Fremde der Madonna fremd erscheinen. Mit versöhnender Geste erhebt er daher die Madonna zur mütterlichen Erdengöttin und geht mit ihr zu „Felde“,

„wo wild
Die Lilie wächst, furchtlos,
Zum unzugänglichen,
Uralten Gewölbe
Des Waldes, das Abendland, und gewaltet über
Den Menschen hat, statt anderer Gottheit, sie,
Die allvergessende Liebe.“

Die Hymne und die christliche Zeit

Die Leser erleben mit Hölderlin einen Dichter, der seine Absicht offenlegt, der Madonna zu huldigen, und ehrlich bekennt, sich dabei der Schönheit der Rede zu bedienen.

„Doch, Himmlische, doch will ich
Dich feiern und nicht soll einer
Der Rede Schönheit mir,
Die heimatliche, vorwerfen“

Hölderlin gebraucht die von Pindar erprobte Form der Hymne wie sie im alten Griechenland beliebt gewesen war. Die griechischen Götter konnten mit ihren Kräften, angelockt vom hymnischen Dank, der ehrlich empfundenen Freude des Laudators, zu den Menschen herabsteigen. Götter in Menschenherzen wiederum erweitern deren Präsenz im kosmischen Raum. Oben und Unten gehen in der Hymne Hand in Hand. Indem Hölderlin so vorchristliche Töne aus der griechischen Kulturepoche anschlägt, dringt er gleichsam von hinten her

in die christliche Zeit ein. Wie zur Versöhnung nutzt er den kultischen, rituellen Hintergrund der Hymne für das Christliche, indem er ein modernes, privates Verhältnis zu der heiligen Madonna zum Ausdruck bringt:

„Viel hab ich dein
Und deines Sohnes wegen
Gelitten, o Madonna,
Seit ich gehöret von ihm …

Zu Demeter und Maria

Wer wie Hölderlin als Kind nicht den katholischen oder lateinischen Madonnen-Kult in sich aufgenommen hat, wer infolgedessen in einer Andachtsgrotte nach der dort versteckten Madonnen-Statue mit gemischten Gefühlen sucht, sie „im Gewölbe des uralten Waldes“ vermutet, der nähert sich ihr unerschrockener, und angstfreier, wenn er ihr Demeter zur Seite stellen darf, die in uralter Zeit als Erste das wilde Chaos zähmte.

Zumindest einmal blickt Hölderlin in dieser Hymne auf Demeter, die, als sie um ihre Tochter Persephone trauert, die Unfruchtbarkeit über die Erde kommen ließ:

„Darum beschütze
Du Himmlische sie,
die jungen Pflanzen, und wenn
Der Nord kommt oder giftiger tau weht oder
Zu lange dauert die Dürre
Und wenn sie üppigblühend
Versinken unter der Sense
Der allzuscharfen, gib erneutes Wachstum.“

Dürre und Hunger hätte vermutlich das Gedicht erfasst, wenn Hölderlin den sonst gebräuchlichen Namen „Maria“ verwendet hätte. Er bemerkte wohl rechtzeitig, dass ihm Maria, dieser unverwechselbare Name und sein Klang, den Weg in die Erinnerung an Demeter verbauen würde. Zugleich vermied er es, den Namen Demeters in die Hymne hineinzuschreiben. Denn Demeter beim Namen zu nennen, würde statt zu einer Versöhnung zu einer Konfrontation führen. Eine unmittelbare Konfrontation hätte die wahre Bedeutung der „Mutter Gottes“ relativiert, sie ihrer Kraft beraubt. Durch das Weglassen des Namens kommt Demeter im Geheimen in das Gedicht hinein und schmeichelt damit der Jüngeren Maria. Damit macht Hölderlin den Platz, den beide im Kosmos einnehmen, größer.

Die eine gab einem gewöhnlichen Sterblichen die menschliche Gestalt, um Christus in seine Hülle aufzunehmen. Die andere verlor zuvor (als Demeter) ihre Tochter Persephone an und auf die Erde. Nicht zögert der Dichter, sie beide als „gewaltete Gottheit“, „Himmlische“, „Königin“ und als die „Lächelnde“ zu lobpreisen.

Für diese karmische Verschmelzung von zwei kulturell scheinbar getrennten Göttinnen ist nicht unerheblich das Geschehen der Mutterschaft, das sich beide teilen. Es ist die Madonna, die das Christuskind gebiert

„Geboren dir im Schoße
Der göttliche Knabe“

und es ist die Göttin Demeter herabgestiegen, den Säugling Triptolemos, den sie als Amme auf der Erde pflegt, über das Feuer zu halten, um ihn unsterblich zu machen.

Hölderlin zieht Zeitgenossenschaft in Betracht

Bei der von Hölderlin vorgelegten Entwurfs-Poesie handelt es sich um eine karmische Arbeitsweise. Möglicherweise war er ein Zeitgenosse der Zeit, die verbunden ist mit der Frau, die nach der Überlieferung Gottes Sohn geboren hat.

Hölderlin beschreibt mit der Menschwerdung des Göttlichen einen karmischen Vorgang, der die ganze Menschheit betrifft, aber auch die individuelle Ebene des Einzelnen berührt. Der Hinweis auf die Madonna als Frau, der es lieb ist, „Wenn größer die Söhne sind, Denn ihre Mutter. …“ regt den Leser an, sich gewahr zu sein, selbst sowohl in der Rolle des Sohnes wie in der Rolle der Mutter auf der Erde dann und wann zu erscheinen. Zugleich darf der Mensch in Eigenverantwortung sich seines Ichs und dessen Entwicklung annehmen, um es dem Gottessohn, der zeitlos wirksam und inkarniert ist, über die verschiedenen Erdenverkörperung hinweg gleichzutun.

Hölderlin war auch verbunden mit dem Bedeutsamen und Bereichernden der griechischen und der noch älteren Epoche, in der Demeter in den Mysterien von Eleusis eine gefeierte Göttin war. Hat er womöglich auch zu dieser Zeit gelebt? Wie wissen es nicht, und Hölderlin wäre nicht Hölderlin, würde er etwas behaupten, was nicht zu beweisen ist. Doch durch seine Hymne an die Madonna wird das unbekannt Erlebte wie Erlebtes. Ein karmisch denkender und fühlender Mensch trachtet danach, Vergangenes als Erlebtes ins Heutige einzubeziehen und umgekehrt, das Heutige mit dem Alten zu verbinden. Wann immer möglich, erinnert sich der Sänger, wenn ihm neue Ereignisse begegnen, was sein früheres Leben damit zu tun haben könnte. Lesen wir die Hymne mit „tiefer Innerlichkeit“ (Hölderlin), dann fällt uns der Gedanke nicht schwer, dass der Verfasser in der Zeit Christi gelebt haben könnte. Gemäß den karmischen Gesetzen, sollten wir getreu den Regeln diesen Gedanken aber wieder von uns wegschieben, denn er ist provisorisch, solange wir es nicht wirklich wissen. Erst dann sind wir im Gemüt frei für das, was war.

Nutzen wir unsere Zeit bei diesem Gedicht zu einer Übungsstunde, die zu solchen Vorgängen hinleitet. Es wäre eine Übungsstunde in vorläufigem Erinnern, was gewesen sein könnte und im Wegschieben dieser Inhalte.

Noch Eins ist aber
Zu sagen. Denn es wäre
Mir fast zu plötzlich
Das Glück gekommen,
Das Einsame, das ich unverständig
Im Eigentum
Mich an die Schatten gewandt,
Denn weil du gabst
Den Sterblichen
Versuchend Göttergestalt,
Wofür ein Wort? So meint ich, denn es hasset die Rede, wer
Das Lebenslicht, das herznährende, sparet.“