Zu Friedrich Hölderlins „Friedensfeier“

Volker Rothfuß

Zwei Schwellen-Ereignisse rahmen die Arbeit Friedrich Hölderlins an seiner Christus-Hymne „Friedensfeier“ ein. Als Hölderlin Anfang 1801 mit der Arbeit an „Friedensfeier“ begann, ging zeitgleich Novalis durch die Pforte des Todes. Etwa ein Jahr später, im Juni 1802, stirbt die ihm eng verbundene Susette Gontard. Im Herbst desselben Jahres stellt Hölderlin sein Gedicht „Friedensfeier“ fertig. Es sind diese zwei Individualitäten und deren nachtodlichen Seelenerlebnisse, die Hölderlin wahrnimmt und die, zusammen mit seinem eigenen Karma, Aufnahme finden in „Friedensfeier“. Lesen Sie einen Auszug (bis zur dritten Strophe) aus dem dazu entstandenen Text.

Mit der Christus-Hymne “Friedensfeier“ erhebt Friedrich Hölderlin seine Dichtkunst zu einem Begegnungsort von Gott, Göttern und Menschen. Er gibt der festlichen Hymne eine Triadenstruktur, wie sie auch das Werk von Novalis häufig zeigt. Es sind Novalis nachtodlichen Seelenerlebnisse, die Hölderlin auf seelisch-geistigem Gebiet wohl aufgenommen hat und seine Arbeit an „Friedensfeier“ mitgetragen haben, zusammen mit Hölderlins eigenen rosenkreuzerisch-christlichen Prinzipien aus seiner geistigen Herkunft.

Am 23. Februar 1801 schreibt der 30jährige Hölderlin an seine Schwester: Es sind „seltne Tage, die Tage der schönen Menschlichkeit, die Tage sicherer, furchtloser Güte, und Gesinnungen.“ Hölderlin war von einem furchtlosen Gottempfindungsdrang erfasst, wie er ihn zuletzt in den Jahren 1798 und 1799 gefühlt hatte, als er mit Empedokles[1]eine Persönlichkeit des alten Griechenlands in sein Bewusstsein hob, „die vorbereitet war mit einem starken Ich-Bewusstsein, um verstehen zu können den Bringer des starken Ich-Bewusstseins.“[2]Anders als Jahre zuvor beim „Tod des Empedokles“ wählt Hölderlin für „Friedensfeier“ nicht die Form des Dramas, sondern mischt idealisch-heroischen Gesang mit epischen Sequenzen eines Ichs.

Rudolf Steiner sah in Empedokles einen bedeutenden Menschheitsführer seiner Zeit, der in dem leidenschaftlichen Verlangen, die Welt griechisch-materialistisch zu ergreifen, sich in den Ätna stürzte. Sein Opfer diente dazu, ätherisch den Christus durch eine Art Rückschau in den vier Elementen zu finden.[3] Das Experiment misslang, denn als Empedokles im 5. Jahrhundert vor Christus lebte, stand das Christus-Ereignis noch aus. Mit dem Mysterium von Golgatha erst war es dem Menschen möglich, nach und nach den ätherischen Christus in sich zu vergegenwärtigen. Hölderlin setzt diese Suche am Beginn des 19. Jahrhunderts mit „Friedensfeier“ fort. Novalis ging zu diesem Zeitpunkt gerade 28jährig am 25. März 1801 über die Schwelle des Todes.

Nach der Karmaforschung von Rudolf Steiner gehört Novalis zur Individualität von Johannes dem Täufer, dem Verkünder des spirituell zu erfassenden Christus-Impulses. Novalis drang nach seinem Tod in die Mondensphäre ein und nahm dort die inneren Impulse zu seinem Karma auf.[4] Dabei wurden die Vorstellungen frei, die diese Individualität im Hinblick auf die Substantialität des Christus mit all ihrer Kraft ins Bewusstsein aufgenommen hatte.

Hölderlin gliedert „Friedensfeier“ im Hauptteil mit drei Triaden zu jeweils drei Strophen (= 9 Strophen). Jeder Triade gibt er zwei Strophen mit jeweils 12 Zeilen und eine dritte Strophe mit 15 Zeilen.

Erste Triade

Ruhige Christus-Begeisterung

Der himmlischen, still widerklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seliggewohnte Saal; um grüne Teppiche duftet
Die Freudenwolk und weithinglänzend stehn,
Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche,
Wohlangeordnet, eine prächtige Reihe,
Zur Seite da und dort aufsteigend über dem
Geebneten Boden die Tische.
Denn ferne kommend haben
Hieher, zur Abendstunde,
Sich liebende Gäste beschieden.

Das Gedicht beginnt in einer Atmosphäre des geistigen Hörens, „der himmlischen, still widerklingenden,/ Der ruhigwandelnden Töne voll, …“, so als berührten des Sängers Finger zart die Saiten einer Lyra. Wie der stille Klang der Lyra aus den stark gespannten Saiten des Instruments hervortritt, so begegnen uns in Hölderlins sanft gezeichnetem Anfangsbild die „von ferne kommend, zur Abendstunde, sich liebende Gäste“ mit all ihrer verborgenen Kraft. In diesen Gästen lassen sich die Johannes-Täufer-Individualität und die Jünger erkennen, die, Hölderlin sich mitteilend, aus Geisteswelten durch Novalis auf die Erde hereinströmen.[5] Die Gäste haben sich „beschieden“, sich also selbst an den Ort des geistigen Hörens – das Gedicht – beordert. Dieses ist ein „altgebauter, seliggewohnter“ Saal, der sich seit alters her für die Begegnung der Götter mit den Menschen eignet. Ähnlich einem nach vier Seiten hin offenen griechischen Tempel erweitert sich dieser Saal zu einer grünen, „weithin glänzende(n)“ Landschaft. Dabei tritt vor das geistige Auge des Lesers eine weite Flussebene, deren viele sich Griechenland schmücken darf, voll reifer Früchte und goldbekränzter Kelche, gesäumt von Bergen, „aufsteigend wie Tische“, mit dem zielführenden Motiv, „ihn selbst zu sehn, den Fürsten des Fests.“ Mit dieser Bezeichnung versammelt Hölderlin all die Gedankenkraft, die im Jahre 1801 aus heutiger Sicht heraus aufgebracht werden kann, um auf den bald zu begrüßenden Christus als Wesen einer anderen Ordnung zuzugehen.

Göttliche Klarheit

Und dämmernden Auges denk ich schon,
Vom ernsten Tagwerk lächelnd,
Ihn selbst zu sehn, den Fürsten des Fests.
Doch wenn du schon dein Ausland gern verleugnest,
Und als vom langen Heldenzuge müd,
Dein Auge senkst, vergessen, leichtbeschattet,
Und Freundesgestalt annimmst, du Allbekannter, doch
Beugt fast die Knie das Hohe. Nichts vor dir,
Nur Eines weiß ich, Sterbliches bist du nicht.Ein Weiser mag mir manches erhellen; wo aber
Ein Gott noch auch erscheint,
Da ist doch andere Klarheit.

Der Ich-Erzähler des Gedichts erwartet, dem „Fürst des Festes“ persönlich zu begegnen. Er hofft, den eingeladenen makrokosmischen Gott empfangen zu dürfen. Dieser steht zur Erde in einem besonderen Verhältnis: sein „Ausland“. Dem vom geistigen Gebiet auf den physischen Plan zum Gastmahl Gerufenen verleiht Hölderlin das göttliche Attribut der Unsterblichkeit („Sterbliches bist du nicht“). Christus, der Mensch geworden ist, also „Freundesgestalt“ annahm, will Hölderlin keinesfalls als Religionsstifter verstanden wissen, stattdessen charakterisiert er ihn in seinem tiefsten Wesen als den „Allbekannten“, „Allversammelnden“, mit dem die Zukunft der Menschheit beginnt. Und er will den aufgeklärten, „erhellten“ Menschen als denjenigen darstellen, der sein klares Denken dem Gott zuordnen kann („da ist doch andere Klarheit“). Mit dem Christus-Ereignis von Golgatha werden geistige Tatsachen wirksam, die es dermystischen Anschauung ermöglichen, Erkenntnisse von „solcher Klarheit“ hervorzubringen, dass sie streng wissenschaftlichen Standards genügen.[6]

So kann gefragt werden: Nahm Novalis aus dem Gegenüber seinen Anteil an der „Friedensfeier“, indem seine Klarheit, seine Vorstellungen und Denkkräfte aus der Mondensphäre zu Hölderlin gelangten? Nach Rudolf Steiner werden unsere Vorstellungen und Denkkräfte in der Mondensphäre „gegenständlich“, verbreiten sich in die Welt hinaus, so dass der Mensch „von sich fortgehen fühlt zunächst alles dasjenige, was er an Erlebnissen bewusst durchgemacht im Erdenleben zwischen Geburt und Tod.“[7] Dieser Zufluss an Vorstellungen ergreift die Menschenseele, es „beugt fast die Knie das Hohe“, an anderer Stelle nennt Hölderlin diesen Vorgang die „Totalempfindung“, oder „den Gott in uns“ treffen.

Einen Gott erfasst kein Name

Von heute aber nicht, nicht unverkündet ist er;
Und einer, der nicht Flut noch Flamme gescheuet,
Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jetzt,
Da Herrschaft nirgend ist zu sehn bei Geistern und Menschen.
Das ist, sie hören das Werk,
Längst vorbereitend, von Morgen nach Abend, jetzt erst,
Denn unermeßlich braust, in der Tiefe verhallend,
Des Donnerers Echo, das tausendjährige Wetter,
Zu schlafen, übertönt von Friedenslauten, hinunter.
Ihr aber, teuergewordne, o ihr Tage der Unschuld,
Ihr bringt auch heute das Fest, ihr Lieben! und es blüht
Rings abendlich der Geist in dieser Stille;
Und raten muß ich, und wäre silbergrau
Die Locke, o ihr Freunde!
Für Kränze zu sorgen und Mahl, jetzt ewigen Jünglingen ähnlich.

In „Friedensfeier“ wird Christus als Gast ohne Namen geführt. Das erhöht die Aktivität ihm gegenüber. Eine Namensnennung würde den Christus in die Unschuld der Religionsanfänge einordnen. Überhaupt, Eigennamen reichen nicht mehr aus, „dahinterzukommen, mit was oder mit wem wir es eigentlich zu tun haben.“[8] Damit stößt Hölderlin die gewöhnliche Sprache zurück, die in das Bewusstsein heraufwill. Er emanzipiert sich von den längst vergangenen, den „schlafenden“ Erfahrungen der Menschen, aus den „Tagen der Unschuld“. Im Verlauf der Erdenentwicklung brauchte es zunächst Namen für die Götter, etwa „Zeus“ für das Himmelsgeschehen, um die daraus wirkenden Kräfte in die Erde zu integrieren. Auf diese Weise sorgten die göttlich-geistigem Wesen in alter Zeit dafür, dass „der Erdenorganisation der Boden, das Klima und sogar schließlich das geistige Leben“ eingegliedert werden konnten.[9] Denn „unermesslich braust, in der Tiefe verhallend, / Des Donnerers Echo, das tausendjährige Wetter, / zu schlafen, übertönt von Friedenslauten, hinunter.“ Nun geht es darum, eine Entwicklung mit der Sprache durchzumachen.

Wendepunkt war der Beginn der fünften nachatlantischen Kulturepoche im Jahr 1413, als die Menschen „ewigen Jünglingen ähnlich“ einen neuen Entwicklungszustand erreichten, nun aber nähern wir uns schon der sechsten Kulturepoche. Seitdem ist „mit einem menschlichen Namen, einem menschlichen Wort nicht ein Göttliches zu erfassen.“[10] Das neue Zeitalter sendet seine Lichter voraus, man macht sich frei von einer Sprache, welche die Seele hindert, vorwärtszukommen und an der Entwicklung teilzunehmen. Novalis sucht als Dichter den Christus nicht im gewöhnlichen Sinnenschein. In seinen „Hymnen an die Nacht“ (1799-1800) wendet er sich abwärts „zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht,“ die uns „die unendlichen Augen“ öffnet, um am Tag die Dinge klar sehen zu können. Auch hier kein Name, um auf einen Gott zu schließen, stattdessen dringt ein Gottesinhalt als Notwendigkeit vom Innersten im Menschen bis hinaus in die Natur und in den Kosmos.

Ebenfalls drei Strophen umfasst die …

Zweite Triade

Rudolf Steiner gibt an, was sich der Mensch aus der geistigen Welt mit Folgen für die Welt ab Mitte des 15. Jahrhunderts mitbrachte. Er sieht in den damals Geborenen eine geringe Anlage „für ursprüngliche Schöpfungen der Phantasie“, ausgehend davon, dass sich durch Empfängnis oder Geburt ihren Seelen „etwas Eigenschaftsloses, etwas Bildloses“[11] eingeprägt hatte. Wer aus dieser Zeit die meisterlichen Werke von Michelangelo, Raffael oder da Vinci betrachtet, wird an ihnen eine Darstellung heraufgeholt finden, wie sie in der Antike Menschen schon im Gemüt getragen haben. Das alles geschah nun aber mit Einsatz des Intellekts und des Wissens, um die Bilder dem Verstand zur Bewunderung zu übergeben. Impulse aus dem arabischen, griechischen und ägyptischen Altertum befruchteten im 14./15. Jahrhundert auch Persönlichkeiten wie Theophrastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, Johann Doktor Faust und die Rosenkreuzer auf den Gebieten der Alchemie. Der Wissensintellekt fasste die einstmals heilig-versiegelte Natur nun als Ort von Prozessen, deren Verhältnisse ein nüchternes Studium erforderten. Hölderlin ist mit diesem Ausleben der Nüchternheit verbunden, da er im 15. Jahrhundert in einer Inkarnation „als Frau in Italien“[12] erscheint, über die Rudolf Steiner keine weiteren Angaben macht. Ausführlich schaut er dagegen auf einen der höchsten christlichen Eingeweihten, Christian Rosenkreuz, der im selben Jahrhundert erscheint. Christian Rosenkreuz reiste im Alter von 16 Jahren als Mönchsschüler über Rom in Italien nach Damaskus. Wie in „Friedensfeier“ zum Bild absichtsvoll gefügt, verwendet Hölderlin das vom Verstand her gedachte Wort. Antike Versmaße werden gleichsam fragmentiert und auf unkonventionelle Weise neu zusammengefügt, um ihre Wirkung auf dem Gebiet des Christus zu erproben.

Im Versuchslabor Hölderlins

Und manchen möcht ich laden, aber o du,
Der freundlichernst den Menschen zugetan,
Dort unter syrischer Palme,
Wo nahe lag die Stadt, am Brunnen gerne war;
Das Kornfeld rauschte rings, still atmete die Kühlung
Vom Schatten des geweiheten Gebirges,
Und die lieben Freunde, das treue Gewölk,
Umschatteten dich auch, damit der heiligkühne
Durch Wildnis mild dein Strahl zu Menschen kam, o Jüngling!
Ach! aber dunkler umschattete, mitten im Wort, dich
Furchtbarentscheidend ein tödlich Verhängnis. So ist schnell
Vergänglich alles Himmlische; aber umsonst nicht;

„O du, der freundlichernst den Menschen zugetan.“ Das Objektive an dieser Aussage liegt in der Paarung von „freundlich“ und „ernst“, und wenn Hölderlin neben das „du“ des Christus vertraulich sein „ich“ danebenstellt, dann folgt daraus: das Objektive beglaubigt das Persönliche. Aus dem engen Gefäß der Wirklichkeit, in dem zwei Ungleiche, Gott und Mensch, gefangen sind, entweicht etwas vom giftigen Gas des Geschiedenseins in die Atmosphäre. Es entsteht ein gemeinsamer Raum, der es erlaubt, sich abzugrenzen, trotzdem aber im anderen den Freund zu sehen. Das Experimentelle daran lässt sich gut nachvollziehen, wenn wir im Vorspann von der Bitte des Autors lesen, den Text „gutmütig aufzunehmen“. Der Verfasser eilt seinen Lesern voraus, und emanzipiert sich vom konventionellen Stil. Ungewohntes soll Aktivität in den Astralleib des Lesers heraufholen. Im zweiten Schritt kann die menschliche Seelensubstanz nach und nach „in die Objektivität, in das äußere Leben“ überfließen. Dann hat der Mensch selbst getan, „was da erscheinen soll.“[13]

Wie Sinnlich-Physisches auf einen Labortisch gelegt, erscheinen die Worte vom Brunnen „unter syrischer Palme“ Der Dichter stellt den Leser auf die Probe, das Geschehen an der Quelle nachzulesen oder es zu erfragen: die Geschichte von der Frau in Samarien. Gefragt ist erneut der Wille des Lesers. Am Brunnen erkennt die Frau aus Samarien den Christus. Die Frau schildert später im Dorf, da war jemand, der mich als Mensch anerkannte und aus der Wahrheit heraus wahrnahm, und den auch ich als Mensch anerkenne. Das hier angewandte Wirkprinzip fasste Ludwig van Beethoven in diesem Denkspruch zusammen: „Allein Freiheit, Weitergehn, ist in der Kunstwelt wie in der ganzen großen Schöpfung, Zweck.“

Die Wahlverwandtschaft zwischen Gott und Mensch verwendet Hölderlin, um nüchtern das Mysterium von Golgatha als „ein tödlich Verhängnis“ ins Bewusstsein zu heben. Den Verstand in die Sache einschalten, ist auch gefordert, wenn er einen Verbund aus den Worten „Schatten“, „umschatten“ und „Gewölk“ herstellt. Da ist vom „(kühlenden) Schatten des geweiheten Gebirges“ die Rede, und es werden die Jünger, „die lieben Freunde, das treue Gewölk“ erwähnt, die ihren Meister umschatten. Die Jünger umschatteten den Christus, weil sie ihn bei der Taufe am Jordan nicht erkannten. Es waren luziferische Geister, die es verhinderten. Als einziger erkannte Johannes der Täufer den Christus. Als erste freilich erkannten und fürchteten die störenden Wesenheiten den Christus, worauf sie aus ihm bald abziehen mussten.[14] Indem Hölderlin den Leser selbst die Schatten mit Licht füllen lässt, arbeitet er für dessen Weitergang zum Christus auf dem rosenkreuzerischen Weg. Im Jahr 1906 wird Rudolf Steiner darlegen, nur das geschulte und Ich-geführte Denken vermag das Unsterbliche in uns zum Leuchten zu bringen. Dieser neue Schritt erlaubt dem Schüler, unbeschattet den Christus zu denken, sei es, auf dem physischen Plan, sei es, auf den höheren Plänen. Diese Entdeckung aber erfordert „parallel mit der okkulten Schulung eine entschiedene Entwickelung des Denkens“.[15]

Hölderlins Wahlverwandtschaft wird ins Zukünftige hinein zur Wahlfreiheit, den Christus anzuerkennen oder nicht. Weil der Christus „umsonst nicht“ zu Tode kam und er in uns von nun an „umsonst nicht“, also nicht vergeblich gedacht wird und er, also der Christus, den geistig geschulten Menschen „umsonst nicht“, also nicht geschenkt erhält, sondern sein Bürge wird. Was einmal Himmels-Alchemie war, wird für den Denkschüler zur Christus-Chemie.

Tiefprüfende Berührung

Denn schonend rührt des Maßes allzeit kundig
Nur einen Augenblick die Wohnungen der Menschen
Ein Gott an, unversehn, und keiner weiß es, wenn?
Auch darf alsdann das Freche drüber gehn,
Und kommen muß zum heilgen Ort das Wilde
Von Enden fern, übt rauhbetastend den Wahn,
Und trifft daran ein Schicksal, aber Dank,
Nie folgt der gleich hernach dem gottgegebnen Geschenke;
Tiefprüfend ist es zu fassen.
Auch wär uns, sparte der Gebende nicht,
Schon längst vom Segen des Herds
Uns Gipfel und Boden entzündet.

Einem Laborbericht ähnlich ist, wenn wir erfahren, es bliebe „nur einen Augenblick“ Zeit für das gegenseitige Anrühren von Gott und Mensch. Soll das Übersinnliche aus göttlicher Geistebene an uns herantreten, muss der Dichter unseren Astralleib mit maßkundigen Bildern durchsetzen. Andernfalls birgt die ersehnte Berührung das Risiko, den Gott „unversehn“, also nicht zu schauen, ihn zu übersehen, oder auch ein wenig überraschend ihm „unversehens“ gegenüberzustehen. So bleibt das Ganze erneut ein Experiment, denn „keiner weiß es, wenn“. Wenn es aber passiert, dann ist keineswegs ausgeschlossen, die Ungleichheit zwischen Gott und Mensch wäre aufgehoben, zumindest für diese kurze Zeit, die wir haben, um den Christus „tiefprüfend zu fassen“.

Eine Berührung mit dem Christus kann außerdem „das Freche“ in den Menschen hereinleiten. Aus der geistigen Sicht heraus betrachtet, stopft Luzifer dabei „von Enden fern“ seine ätherischen Fühl-Arme in die Sinne hinein.[16] In diesem Fall geht die Wahrnehmung frech hinweg über das, was uns Gleiches mit den Göttern gegeben ist. Statt zu „der Berührung eines Zauberstabs“[17] kommt es womöglich zu einer Ich-Überhöhung. Luzifer brächte dann „rauhbetastend den Wahn“ ins Innere der Seele, etwa mit dem verführerischen Satz: „Ihr werdet sein wie Gott“. Mit diesem „sein wie Gott“ wäre zwar eine Wahlverwandtschaft angesprochen, doch diese steht unter dem Vorbehalt, sich im Menschen nicht absolut zu setzen. Andernfalls „trifft daran ein Schicksal“ den Menschen. Dennoch geht der Künstler der Romantik versuchsweise diesen Schritt. Er braucht eine gewisse Grenzüberschreitung, um sich in seine eigene Ich-Entwicklung hineinzustoßen. Dieses Maßes unkundig zu sein, so erhebt Hölderlin warnend die Stimme, würde „uns Gipfel und Boden“ entzünden. Der Gott aber begrüßt selbst den missglückten Versuch, denn als der „Gebende“ gewährt er „vom Segen des Herds.“ Dafür dem Gott zu danken, ist zwar eine abzulehnende Konvention, als Ausweg bleibt aber, die Sache zu verzögern, man dankt also „nie gleich hernach“.  

Von der Flamm zu den Feuergeistern    

Des Göttlichen aber empfingen wir
Doch viel. Es ward die Flamm uns
In die Hände gegeben, und Ufer und Meersflut.
Viel mehr, denn menschlicher Weise
Sind jene mit uns, die fremden Kräfte, vertrauet.
Und es lehret Gestirn dich, das
Vor Augen dir ist, doch nimmer kannst du ihm gleichen.
Vom Allebendigen aber, von dem
Viel Freuden sind und Gesänge,
Ist einer ein Sohn, ein Ruhigmächtiger ist er,
Und nun erkennen wir ihn,
Nun, da wir kennen den Vater
Und Feiertage zu halten
Der hohe, der Geist
Der Welt sich zu Menschen geneigt hat.

Mit „Des Göttlichen aber empfingen wir doch viel“ wird das Erbe der Götter Griechenlands ganz allgemein auf die Waagschale gelegt, bleibt also unbestimmt. Mancher Adept jener Zeit bewahrt heute sein eigenes Griechenland in der heiligen Brust. Unter diesem Aspekt verfasste Hegel das „Eleusis“-Gedicht. Darin bescheinigt er seinem Freund Hölderlin und sich selbst eine Beziehung zu den eleusinischen Mysterien der Demeter. Das Demeterhafte charakterisiert Rudolf Steiner als „Urgewalt, die wir heute nur mit dem abstrakten Namen der menschlichen Keuschheit bezeichnen“ können.[18]Etwas von dieser eleusinischen Urgewalt der Keuschheit, die sich „zauberhaft hindurchzieht urewig durch allesmenschliches Fühlen“[19] findet sich in „Friedensfeier“, sobald das Verhältnis zu ebendiesem Göttlichen zur Sprache gebracht wird: „Viel mehr, denn menschliche Weise / Sind jene mit uns, die fremden Kräfte, / vertrauet.“ Wer über die Stufe des Adepten hinaus es zur Einweihung gebracht hatte, nahm das Ursprüngliche in sich auf, um es umzuwandeln. Götterkräfte wurden nach und nach zur Menschensache.

Im „Erkennen“ des Christus und „Kennen“ des Vaters spiegelt sich das geschichtliche Werden des Menschen hin zur intellektuellen Verstandes-Erkenntnis. Dazu ist die „Flamm“, die Fackel der Erkenntnis, „uns in die Hände gegeben.“ Zunächst aber gilt es, „Feiertage zu halten“, um den zu empfangen, „der hohe, der Geist/ der Welt“, der „sich zu Menschen geneigt hat.“ Daraus resultieren „viel Freuden und Gesänge“ an die Adresse des „Allebendigen.“ Doch die Lektion der Demeter ist es, die Furcht vor dem Verlust der Keuschheit zu überwinden, drum hält sie das Kind ins Feuer, um seine Seele zu läutern von der Sterblichkeit. Der 23jährige Goethe versucht es mit der frechen Prometheus-Hymne. Doch mit einer solchen Posse von Goethe lässt sich der Sohn und sein Bild als „Ruhigmächtiger“ nicht aus der Reserve locken. Statt einer geistreichen Provokation geht Hölderlin den Weg der Verwandlung von der „Flamm“ zum „Gestirn“, das „vor Augen dir ist“.  Etwa 100 Jahre später, im Jahr 1907, greift Rudolf Steiner den Christusimpuls auf und charakterisiert den Christus als „die höchste Individualität“ und als den „Führer der Feuergeister der Sonnenzeit.“ Damit hält er die Menschenseele ins Feuer der Demeter.

Dem rosenkreuzerisch-christlichen Anstoß durch Novalis folgten weitere handlungswirksame Ereignisse: Hölderlin sieht in Lyon am 10. Januar 1802 Napoleon, der zwei Jahre zuvor zum Diktator wurde. Im Juni 1802 stirbt die Hölderlin eng verbundene Susette Gontard. Durch ihren Tod erfuhr das Gedicht aus der Mondensphäre eine persönliche Begleitung, die sich in drei eigenständigen Strophen am Ende der Hymne niederschlug.

Die winterliche Reise Hölderlins über die „gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildnis“ führte ihn ins weitentfernte Bordeaux. In den 12 heiligen Nächten, in denen der Mensch sich dem Kosmos geistig öffnen kann, war der Dichter alleine auf unsicheren, fremden Pfaden unterwegs. Hinzu kam das jährlich wiederkehrende „kosmische Drama“ [20] der Sonne, wenn sie im Winter in der Tiefe zu versinken droht, um erneut zum höchsten Punkt der Ekliptik aufzusteigen. Unter dem Eindruck dieser spirituellen Naturereignisse erreichte bei allergrößter Kälte Hölderlin die Stadt Lyon, wo er am 10. Januar Bonaparte zu sehen bekam, der sich speziell an diesem Tag ebenfalls in Lyon aufhielt. Bonaparte hatte zwei Jahre zuvor, 1899, begonnen, sich in die Rolle eines Alleinherrschers der Zeit einzuwohnen.

Dritte Triade

Weit aus reichte Bonaparte

Denn längst war der zum Herrn der Zeit zu groß
Und weit aus reichte sein Feld, wann hats ihn aber erschöpfet?
Einmal mag aber ein Gott auch Tagewerk erwählen,
Gleich Sterblichen und teilen alles Schicksal.
Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesetz,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel.

Als Erster Konsul Frankreichs aber war Bonaparte „längst zu groß.“ So drohte ihm, „einmal“ den Sterblichen gleich deren Schicksal zu teilen, um deren „Tagewerk (zu) erwählen.“ Bis dahin behielt der Satz „weit aus reichte sein Feld“ seine Geltung. Napoleon war, wie es Hölderlin in einem Brief an seine Mutter anfügte, 1899 zu „einer Art von Diktator geworden.“[21]  Seine Einstellung wider Napoleon tritt nicht in offenen Worten zutage, sondern sucht das intellektuelle Versteck, wo die Menschenseele auf ihre Verwandlung bescheiden wartet. Einen Zusammenhang ergibt sich folglich nur demjenigen, der nicht stehen bleibt bei dem, was ihm die Zeile des Dichters liefert.

Im Brief vom 9. Januar 1802 gesteht Hölderlin der Mutter: „… ich denke aber, Gott und ein ehrlich Herz hilft durch, und die Bescheidenheit vor anderen Menschen.“ Einen Tag später sieht er Bonaparte in Lyon bei einem glanzvollen, machtbewussten Auftritt in der Öffentlichkeit. Knapp drei Wochen später wird Hölderlin seiner Mutter mitteilen: „Ich bin nun durch und durch gehärtet und geweiht, wie Ihr es wollt.“ [22] Der Anblick Bonapartes macht Hölderlin fassungslos. Sein bescheidenes Herz wandelt sich in kürzester Zeit zu einem geweihten und gehärteten. Wie ein Resultat dieser Verwandlung wirkt nun, wenn Hölderlin sich selbst in der dritten Person beschreibt: „So dünkt mir jetzt das Beste, / Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister, / Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt.“ Als Vollendung erscheint „der stille Gott der Zeit, das einsame, bescheidene Herz des Dichters, das auch dem Leser idealerweise eignet. Dichter und Leser nehmen im Denken einander an der Hand. Diese Ergriffenheit wird ausgelöst durch Bonaparte als unsichtbare Ursache.

Wenngleich Napoleons Wesen mit einem Leib, das einer Geist-Seele entbehrt, sich einmal „erschöpfet“ haben wird, nimmt sich Hölderlin seiner an. Menschenseelen, die durch das Feuer der Demeter geläutert sind, finden zu „der Liebe Gesetz“ und „teilen alles Schicksal“ mit einem wie Napoleon, auch wenn dieser ohne ein eigenes Gewissen ist. In derselben Haltung sehen wir Rudolf Steiner, der zu solchen von Naturgeistern eingenommenen Wesen, die zu rücksichtlosen Leuten werden, bemerkt, dass sie dennoch die Menschenwürde besitzen. Denn die Menschenwürde, in der „Alle sich erfahren“, bleibt erhalten. Das stellt im Sinne von Hölderlin ein „Schicksalsgesetz“ dar, dessen man sich gewahr werden kann dadurch, „daß wenn die Stille einkehrt, auch eine Sprache sei.“ Das selbstbewusste Stillhalten Hölderlins Napoleon gegenüber entsteht auch, weil jene, die wie der künftige Kaiser das Gewissenlose auf der Erde verkörpern, mitunter tief fühlende Naturen sind. Außerdem sind Menschenseelen wie Hölderlin zur Stelle, mit ihnen zu „streiten, was wohl das Beste sei.“ Rudolf Steiner empfiehlt, dass man solch speziellen Wesen „alles so einrichtet, dass diese Menschen den Anschluss finden an andere Menschen, in deren Gefolge sie sich entwickeln können, dass sie also gewissermaßen Mitgehende dieser anderen werden.“[23]

Mit dem anschauenden Geist  

Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.
Und das Zeitbild, das der große Geist entfaltet,
Ein Zeichen liegts vor uns, daß zwischen ihm und andern
Ein Bündnis zwischen ihm und andern Mächten ist.
Nicht er allein, die Unerzeugten, Ewgen
Sind kennbar alle daran, gleichwie auch an den Pflanzen
Die Mutter Erde sich und Licht und Luft sich kennet.
Zuletzt ist aber doch, ihr heiligen Mächte, für euch
Das Liebeszeichen, das Zeugnis
Daß ihr noch seiet, der Festtag,

Das „Viel hat von Morgen an |…| erfahren der Mensch.“ besagt einerseits, dass sich uns die Wirklichkeit in der Erfahrung zeigt. Andererseits wird angedeutet, dass ein Teil der Wirklichkeit in unserer Erfahrung noch fehlt. Dieser fehlende Teil ist nach Rudolf Steiner die Erfahrung, wenn ein zu betrachtender Gegenstand in das Gesichtsfeld unseres Geistes einrückt.[24] Die über die Wahrnehmung hinausgehende Tätigkeit des Geistes ist unser Denken, das, befreit von jeder subjektiven Befangenheit, uns Auskunft über das Wesen einer Sache geben kann. Um die dem „Gesang“ zugrunde liegende Idee in „bald aber sind wir Gesang“ denkend anschauen zu können, bleibt nur, herauszufinden, welcher Ganzheit im Organischen der „Gesang“ angehört. Was etwa ist das Wesen des Gesangs in seiner inneren Vollkommenheit, wenn er unser aller Stimmen enthält? Und fände auch ein Napoleon in dieser Ganzheit Platz?

Der mit Napoleon in Europa einziehende Nationalismus bildete „das Zeitbild, das der große Geist entfaltet.“ Napoleon, dessen „Zeichen“ der Nationalismus in seinen verschiedenen Ausprägungen war, versprach durch sein Handeln demjenigen eine Selbsterlösung, der bereit war, wie er ein Bündnis mit den ahrimanischen Wesen einzugehen. Diese bewirkten ein einseitig profitbezogenes Wirtschaftsleben, wodurch sich mit Blick auf Napoleon, „zwischen ihm und andern/ Ein Bündnis zwischen ihm und andern Mächten ist.“ Hölderlin stieß diese Mächte von sich zurück, stattdessen hatte er vor seiner Lebenszeit als „Frau in Italien“[25] in der geistigen Welt den Lebensgeist des Christus entdeckt. Künftig würde es Menschenseelen geben müssen, die sich mit Worten hindeuten lassen auf diesen Lebensgeist, der seit Golgatha die Erde umweht. Dann würden einbezogen die im Dienst der höheren geistigen Hierarchien stehenden Elementarwesen in Licht und Luft, „kennbar alle daran, gleichwie auch an den Pflanzen/ Die Mutter Erde sich und Licht und Luft sich kennet.“ Hölderlin entdeckt sie als das „Liebeszeichen“, als den Festtag und als Zeugnis, „dass ihrs, ihr heiligen Mächte, noch seiet.“ Hölderlin hielt fest, was die heiligen Mächte empfanden. Sein schauendes Wort stieg auf, wurde zu ihrem Empfinden.

Das Gedicht als Ort des Lebens

Der Allversammelnde, wo Himmlische nicht
Im Wunder offenbar noch ungesehn im Wetter,
Wo aber bei Gesang gastfreundlich untereinander
In Chören gegenwärtig, eine heilige Zahl
Die Seligen in jeglicher Weise
Beisammen sind, und ihr Geliebtestes auch,
An dem sie hängen, nicht fehlt; denn darum rief ich
Zum Gastmahl, das bereitet ist,
Dich, Unvergeßlicher, dich, zum Abend der Zeit,
O Jüngling, dich zum Fürsten des Festes; und eher legt
Sich schlafen unser Geschlecht nicht,
Bis ihr Verheißenen all,
All ihr Unsterblichen, uns
Von eurem Himmel zu sagen,
Da seid in unserem Hause.

Hölderlin lädt die Himmel ein, zu ihm zu kommen. Im Gedicht schafft er einen Raum für den Christus, vermöge der dichterischen Tat, diesen Raum zunächst im Bewusstsein mit den Mitteln der Sprache zu schaffen. Dies folgt dem Bedürfnis herauszufinden, mit wem man es beim Christus eigentlich zu tun hat. Nicht „im Wunder“ offenbaren sich „Himmlische“ und nicht „ungesehn im Wetter“, sondern im „Gesang“, der aus der einheitlichen Seele des Dichters entstanden ist, und der sich seiner selbst bewusst ist. Ein Ort, wo „eine heilige Zahl“ wie die 12 Jünger als Christus-Bekenner und der Christus selbst „bei Gesang gastfreundlich untereinander in Chören gegenwärtig“ sich versammeln, bis sie „beisammen sind.“ Der Leser soll nicht mehr von den Worten auf die Sache schließen, nicht mehr mit luftigen Abstraktheiten in den Schlaf gehen können, sondern all die „Verheißenen“ hindeuten lassen auf das, was nicht mehr im Worte des Dichters liegt, sondern über dieses hinaus in das neue Gebiet verweist. „Von eurem Himmel zu sagen,/ Da seid in unserem Hause.“

Nur so kann der „Unvergessliche“ gerufen werden, sobald im Gedicht das „Gastmahl“ für den Geliebtesten „bereitet ist.“ In die Zukunft hinein vergleicht Rudolf Steiner diese Vorgehensweise mit einer objektiven Notwendigkeit, wie es sie auf dem Gebiet des Lebens auch gegenüber den Naturerscheinungen gibt.[26]  Nicht mehr die Absicht zählt, sondern das untertauchen in das Leben selbst.

Hölderlin fügt dem Hauptteil drei weitere Strophen an:

Vierte Triade

Als Susette Gontard am 2. Juni 1802 in Frankfurt stirbt, nimmt Hölderlin in Gedanken den Weg neu auf zu dieser ihm eng verbundenen Seele. Die Ehefrau und Mutter dreier Kinder blieb ihm bis dahin die große Versöhnerin, die ein paar Jahre zuvor noch im Durchwärmen seines Gemüts ein Ideal für das Bild des Christus abgab. Diese Erfahrung wird mit einer kleinen Szene im Stil des Malers Raffael in das Gedicht eingefügt: „Vor der Türe des Hauses/ Sitzt Mutter und Kind/ Und schauet den Frieden …“. In diesem Frieden lebt Susette in ihm weiter. Hölderlin will die Versöhnungskraft des einen und des anderen zu einem Ganzen zusammenzufassen. Erinnerung und Gegenwart aber sind getrennt. Es ist eben nicht ein raffaelisch Idealchristliches, das im 19. Jahrhundert ins äußere Leben auszufließen hat, sondern etwas, was von uns selbst getan werden und aus dem Persönlichen ins Objektive gelangen muss.

Leichtatmende Lüfte
Verkünden euch schon,
Euch kündet das rauchende Tal
Und der Boden, der vom Wetter noch dröhnet,
Doch Hoffnung rötet die Wangen,
Und vor der Türe des Hauses
Sitzt Mutter und Kind,
Und schauet den Frieden
Und wenige scheinen zu sterben,
Es hält ein Ahnen die Seele,
Vom goldnen Lichte gesendet,
Hält ein Versprechen die Ältesten auf.


Wohl sind die Würze des Lebens,
Von oben bereitet und auch
Hinausgeführet, die Mühen.
Denn Alles gefällt jetzt,
Einfältiges aber
Am meisten, denn die langgesuchte,
Die goldne Frucht,
Uraltem Stamm
In schütternden Stürmen entfallen,
Dann aber, als liebstes Gut, vom heiligen Schicksal selbst,
Mit zärtlichen Waffen umschützt,
Die Gestalt der Himmlischen ist es.

Wie die Löwin, hast du geklagt,
O Mutter, da du sie,
Natur, die Kinder verloren.
Denn es stahl sie, Allzuliebende, dir
Dein Feind, da du ihn fast
Wie die eigenen Söhne genommen,
Und Satyren die Götter gesellt hast.
So hast du manches gebaut,
Und manches begraben,
Denn es haßt dich, was
Du, vor der Zeit
Allkräftige, zum Lichte gezogen.
Nun kennest, nun lässest du dies;
Denn gerne fühllos ruht,
Bis daß es reift, furchtsamgeschäftiges drunten.

„Leichtatmende Lüfte“ rufen das Geschehen ins Bewusstsein zurück. Das „Versprechen“, Susette im Himmel wiederzusehen, hatte gleich zu Anfang ihrer Beziehung die Richtung gegeben. „Vom goldenen Lichte gesendet“ kehrt dieses Versprechen nun zurück in ein „Ahnen der Seele“. In der Erinnerung erscheint Susette im Bild von Mutter und Kind „mit den zärtlichen Waffen umschützt“ undvereint zu einer „Gestalt der Himmlischen“. Der Tod der Versöhnerin nimmt Hölderlin dann aber doch als Schicksal, den Umschwung, der sich ihm mit dem Christus-Impuls offenbart, zu vollziehen: „Wohl sind die Würze des Lebens,/ Von oben bereitet und auch/ Hinausgeführet, die Mühen.“

 Frankfurt am Main ist die Stadt im „rauchenden Tal“, ist „der Boden, der vom Wetter noch dröhnet.“ Hölderlin stößt das fluchtartige Verlassen Frankfurts im September 1798 noch einmal von sich, den erlittenen Schmerz hinter sich lassend, mit einem milden Ausblick „doch Hoffnung rötet die Wangen.“

Mit „Friedensfeier“ entdeckte Hölderlin unter der Regentschaft Gabriels (1510 – 1879 n. Chr.), dass nicht mehr passiv „von irgendwelchen, den Menschen ganz ferne stehenden göttlichen Mächten ohne menschliches Zutun“[27] ausgegangen werden kann. Es braucht die Umwandlung der menschlichen Sprachbedeutung, wie sie mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners unter der Regentschaft Michaels mit Beginn des 20. Jahrhunderts zur allgemeinen Anwendung gebracht wurde. Dazu muss die Sprache den Weg einer Entwicklung nehmen, in der die Menschen über die Worte und über die Sätze hinausgehend an die Sache herankommen. Die „Himmlischen“ können uns lediglich beim Dichten die Finger führen. Dichtung wird dadurch zum Pfingstereignis, in dem sich mild und fesselnd zugleich der Christus in den Seelen „selbst vollziehen“[28] kann.

Ende

Volker Rothfuß: Freies Studium Semantik/Dramaturgie/Theater bei Ernest Martin (*1932 in New York City) in Düsseldorf. 1998 Waldorf-Lehrerseminar Stuttgart. VWA-Fachwirt Öffentlichkeitsarbeit. Eigenes Pressebüro in Stuttgart 1985 bis 2010. Ehrenamtliche Betreuung Hilfsbedürftiger (Demenz) im Ernst-Zimmer-Haus, Öschelbronn. Freie Kulturarbeit und freier Journalist in der Tages- und Fachpresse.


[1] Friedrich Hölderlin, Der Tod des Empedokles – Ein Trauerspiel in fünf Akten

[2] Rudolf Steiner: Der Christus-Impuls und die Entwickelung des Ich-Bewusstseins. (GA 116), S. 167 ff

[3] Rudolf Steiner: Wege und Ziele des geistigen Menschen. (GA 125), S. 167 ff

[4] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen Bd. 5. (GA 239), S. 136

[5] Rudolf Steiner: Erfahrungen des Übersinnlichen/Die drei Wege der Seele zu Christus. (GA 143), Vortrag vom 29. Dezember 1912 in Köln, Dornach 1994, S. 233

[6] Rudolf Steiner: Das Christentum als mystische Tatsache. (GA 008), Dornach 1989, S. 7

[7] Rudolf Steiner: Menschenwesen, Menschenschicksal und Weltenentwickelung (GA 226), Dornach 1988, S. 26

[8] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung. (GA 199), Dornach 1985, S. 254

[9] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung. (GA 199), Dornach 1985, S. 222

[10] Rudolf Steiner: Das esoterische Christentum und die geistige Führung. (GA 130), Dornach 1995, S. 281

[11] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung. (GA 199), Dornach 1985, S. 258

[12] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Zweiter Band, (GA 236), Dornach 1988, S. 78

[13] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung (GA 199), Dornach 1985, S. 253

[14] Rudolf Steiner: Das Markus-Evangelium. (GA 139), Vortrag vom 16. September 1912 in Basel, S. 42

[15] Rudolf Steiner: Die vierte Dimension, Fragenbeantwortung vom 2. Sept. 1906, (GA 324a), S. 120

[16] Rudolf Steiner: Kunst- und Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft. (GA 162), Dornach 2000, S. 267

[17] Novalis: „Alle geistige Berührung gleicht der Berührung eines Zauberstabs.“

[18] Rudolf Steiner: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen (GA 129), Dornach 1977, S. 19f

[19] Ebenda, S. 21

[20] Frits Hendrik Julius, Die Bildersprache des Tierkreises, Stuttgart 1956, S. 20f 

[21] Friedrich Hölderlin: Brief an die Mutter vom 16. November 1799.

[22] Brief am 28. Januar 1802 aus Bordeaux an die Mutter

[23] Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse überchristlich-religiöses Wirken (GA 346), Dornach 2001, S. 186f

[24] Rudolf Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung. (GA 2), Dornach 1924, S. 55ff

[25] Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. (GA 236), Dornach 1988, S. 78

[26] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung (GA 199), Dornach 1985, S. 254

[27] Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung (GA 199), Dornach 1985, S. 253

[28] Rudolf Steiner: Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt. (GA 118), Dornach 1984, S. 167f